Unser Experte für Kopfschmerzen – Basics

PROF. DR. MED. HANS CHRISTOPH DIENER
diener

Spezialisierungen:
Kopfschmerzen, Schlaganfall, Bewegungsstörungen

Neurologe und Psychologe, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen sowie Leiter des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums.

 

Die Mitschrift des Interviews mit Prof. Dr. med Hans Christoph Diener zum Thema “Kopfschmerzen”

Welche Arten von Kopfschmerzen gibt es?

Herr Prof. Dr. Diener: Es gibt insgesamt 236 Arten von Kopfschmerzen, die wir aber natürlich jetzt nicht abhandeln wollen- es gibt zwei, die häufig sind: Das eine ist der Spannungskopfschmerz. Das ist ein dumpf drückender im ganzen Kopf ohne Begleiterscheinungen. Darunter leiden gelegentlich etwa 70 Prozent aller Menschen. Und dann gibt es die Migräne: Das sind Kopfschmerzattacken, mit heftigen Kopfschmerzen, verbunden mit Übelkeit, Erbrechen, Lichtscheue, Lärmempfindlichkeit und allgemeinem Krankheitsgefühl. Darunter leiden etwa 15 Prozent aller Menschen.

Was sind die häufigsten Ursachen für Kopfschmerzen?

Herr Prof. Dr. Diener: Bei Kopfschmerzen insgesamt muss man unterscheiden zwischen so genannten primären Kopfschmerzen – das sind Kopfschmerzarten, bei denen die Struktur des Gehirns und der Hirnhäute ganz in Ordnung sind. Und bei anderen Kopfschmerzen, die Symptom einer zugrunde liegenden Erkrankung sind. Jeder hat ja schon einmal eine ganz schwere Grippe erlebt und bei einer Grippe kann es zu einer Reizung der Hirnhaut kommen, und das macht dann beispielsweise Kopfschmerzen. Oder wenn man einen Kater hat, wenn man zu viel getrunken hat. Der ganz große Löwenanteil aller Kopfschmerzen sind aber die primären Kopfschmerzen, also ohne strukturelle Erkrankung des Gehirns.

Welche Rolle spielt Stress als Ursache von Kopfschmerzen?

Herr Prof. Dr. Diener: Stress ist nicht die primäre Ursache von Kopfschmerzen aber ein Verstärkungsfaktor, der bei einer Neigung zu Kopfschmerzen dazu führen kann, dass diese häufiger auftreten und auch intensiver werden. Und wir haben durch Studien belegt, dass Stressbewältigungsprogramme vorbeugend sowohl bei Spannungskopfschmerz wie auch Migräne wirken. Man kann das auf ein ganz einfaches Verfahren reduzieren: Man kann morgens, wenn man aufwacht noch fünf Minuten im Bett liegen bleiben und sich Gedanken machen: Wo habe ich mir heute in meinem Alltag wieder Stress eingebaut, der eigentlich gar nicht notwendig wäre.

Wann sollte man bei Kopfschmerzen einen Arzt aufsuchen?

Herr Prof. Dr. Diener: Wenn Kopfschmerzen ganz plötzlich auftreten, heftigste Intensität haben und insbesondere wenn sie bei körperlicher Aktivität aufgetreten sind, dann handelt es sich um einen Notfall. Hier muss sofort ein Arzt oder die Notaufnahme eines Krankenhauses aufgesucht werden.

Wenn Kopfschmerzen gelegentlich auftreten, wenn sie nicht besonders stark sind oder wenn schon bekannt ist, das in der Familie andere Mitglieder unter einer Migräne leiden, muss man deswegen nicht den Arzt aufsuchen, sondern man kann diese Kopfschmerzen dann durchaus erst einmal selber behandeln. Wenn die Kopfschmerzen allerdings immer schlimmer werden und wenn sie auf gängige Therapie freiverkäuflicher Schmerzmittel nicht mehr ansprechen oder wenn neurologische Ausfälle auftreten, wie beispielsweise Gefühlstörungen, Lähmungen, Sehstörungen, Sprachstörungen, dann muss unmittelbar ein Arzt aufgesucht werden.

Was hilft gegen Kopfschmerzen?

Herr Prof. Dr. Diener: Spannungskopfschmerzen können sehr gut mit freiverkäuflichen Schmerzmitteln behandelt werden. Dazu gehört Acetylsalicylsäure, das Aspirin® oder ein so genanntes nichtsteroidales Antirheumatikum wie Ibuprofen oder auch ein ganz normales Schmerzmittel wie Paracetamol. Wenn diese nicht ausreichend wirksam sind, dann gibt es Kombinationspräparate, in denen beispielsweise Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein kombiniert sind.

Wie sollten Medikamente eingesetzt werden?

Herr Prof. Dr. Diener: Schmerzmittel als solches sind eigentlich unproblematisch, aber es muss darauf geachtet werden, das man diese Medikamente nicht zu häufig nimmt. Wenn man freiverkäufliche Schmerzmittel ganz häufig oder jeden Tag nimmt, dann können diese Medikamente paradoxer Weise sogar Kopfschmerzen auslösen. Und es gibt eine zweite Regel: Alle Medikamente, die Abkömmlinge von Morphium sind – so genannte Opioide – sind bei Kopfschmerzen absolut tabu. Erstens, sie wirken nicht und zweitens, sie haben ein hohes Abhängigkeitspotential.

Welche Nebenwirkungen der Schmerzmittel sollten beachtet werden?

Herr Prof. Dr. Diener: Schmerzmittel können Nebenwirkungen hervorrufen. Sie haben auch Gegenanzeigen. Bei der Acetylsalicylsäure (Aspirin®) gibt es beispielsweise Erkrankungen des Magens, Magen- oder Darmgeschwüre, aber auch bestimmte Gerinnungsstörungen. Bei Paracetamol sind es Erkrankungen der Leber und bei den nicht-steroidalen Antirheumatika wie Ibuprofen wären typische Gegenanzeigen auch eine chronische Magenschleimhautentzündung oder bestehende Magen- und Darmgeschwüre.

Gibt es erfolgsversprechende nicht-medikamentöse Therapien?

Herr Prof. Dr. Diener: Bei Spannungskopfschmerzen die sehr häufig sind oder beim chronischen Spannungskopfschmerz, der fast jeden Tag besteht, gibt es auch die Möglichkeit nicht-medikamentöser Maßnahmen. Unsere Studien haben gezeigt, dass dazu beispielsweise Ausdauersport gehört, aber auch ganz bestimmte Formen von Entspannungsverfahren, wie beispielsweise Joga und wie autogenes Training. Und ein ganz spezielles, besonders gut belegtes Verfahren ist die so genannte progressive Muskelrelaxation. Dort lernen die Patienten nacheinander Muskelgruppen anzuspannen und wieder loszulassen. Darüber hinaus gibt es speziell für schwerbetroffene Patienten auch andere psychologische Verfahren, die sich als wirksam erwiesen haben in der Vorbeugung von chronischen Kopfschmerzen.

Was kann man zur Vorbeugung gegen Kopfschmerzen tun?

Herr Prof. Dr. Diener: Manche Patienten, die unter sehr häufigen Spannungskopfschmerzen leiden, benötigen eine medikamentöse vorbeugende Behandlung durch den Arzt. Und hier sind interessanter Weise Medikamente wirksam, die ganz ursprünglich entwickelt wurden zur Behandlung der Depression. Dann hat man herausgefunden, dass diese Medikamente in niedriger Dosis auch die Intensität und Häufigkeit von Spannungskopfschmerzen positiv beeinflussen. Das ist aber eine Form der medikamentösen Vorbeugung, die vom Arzt durchgeführt werden muss.

Wann spricht man von Migräne und was sind die Ursachen?

Herr Prof. Dr. Diener: Migräne ist eine Erkrankung, bei der die Kopfschmerzen in Attacken auftreten. Das heißt die Betroffenen bekommen ganz heftige, meist halbseitig pulsierende und pochende Kopfschmerzen, die mit Übelkeit, Erbrechen, Lichtscheu, Lärmempfindlichkeit und allgemeinem Krankheitsgefühl einhergehen. Die Betroffenen ziehen sich zurück, lassen die Rollläden herunter, sie wollen keine Geräusche hören, gehen ins Bett und versuchen zu schlafen. Die Ursache der Migräne ist genetisch. Das heißt es ist eine Erbkrankheit. Und das erklärt auch, warum man eine Migräne positiv beeinflussen kann: Man kann Attacken behandeln, man kann vorbeugen, aber man kann die Migräne nicht heilen.

Was kann man bei Migräne tun? Gibt es Medikamente?

Herr Prof. Dr. Diener: Migräne-Attacken können medikamentös behandelt werden. Bei leichten und mittelschweren Migräne-Attacken sind freiverkäufliche Schmerzmittel wirksam, wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen, Paracetamol. Bei schweren Attacken kommen spezifische Migräne-Mittel zum Einsatz. Die enden alle mit der Silbe -triptan und deswegen heißt diese Medikamentengruppe Triptane. Diese Substanzen sind nur bei Migräne wirksam. Fünf von diesen sind verschreibungspflichtig und zwei sind in der Zwischenzeit auch schon in der Apotheke frei verkäuflich erhältlich.

Was kann man zur Vorbeugung von Migräne tun?

Herr Prof. Dr. Diener: Menschen die häufige Migräne-Attacken haben, sollen nicht häufig Schmerz- und Migräne-Mittel einnehmen, sondern hier ist eine vorbeugende Behandlung gefragt. Wir kombinieren zu diesem Zweck nichtmedikamentöse Verfahren auf der einen Seite, wie beispielsweise Ausdauersport, Entspannungsverfahren und Stressbewältigungstechniken mit medikamentösen Therapien. Die Medikamente die man zur Vorbeugung der Migräne nimmt sind alle verschreibungspflichtig. Es gibt ganz unterschiedliche, mit unterschiedlichen Wirkungsmechanismus und unterschiedlichen Nebenwirkungen. Und diese medikamentöse Behandlung muss dann mit dem Arzt abgesprochen werden.

Quelle: Frag-den-Professor.de – Experten-Interview mit Herrn Prof. Dr. med. H.C. Diener zum Thema „Kopfschmerzen”, als Video aufgenommen im Juni 2012


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