Unser Experte für Herzvorsorge

PROF. DR. MED. UWE NIXDORFF
Uwe Nixdorff

Spezialisierungen
Prävention von Herzerkrankungen, Präventivmedizin, Checkups und gesunder Lebensstil

Ärztlicher Geschäftsführer und Gründer des European Prevention Centers in Düsseldorf, Berlin und München, Facharzt für Innere Medizin, Schwerpunkte Kardiologie, Sportmedizin, Notfallmedizin, umfangreiche Aus- und Weiterbildungen in Deutschland und den USA.

 

Die Mitschrift des Interviews mit Prof. Dr. med Uwe Nixdorff zum Thema “Herzvorsorge”

Welche Herzerkrankungen gibt es?

Natürlich gibt es ein großes Spektrum an verschiedenen Herzerkrankungen. Wichtig ist aber eine Schwerpunktsetzung nach dem Prinzip „Häufiges ist häufig und Seltenes ist selten“. Das absolut häufigste Problem, das mit Abstand die meisten Patienten betrifft, ist die sogenannte Koronare Herzkrankheit. Die Herzkranzgefäße, die den Herzmuskel mit Blut versorgen, die dieser für seine Pumpfunktion zwingend benötigt, können durch Risikofaktoren in Mitleidenschaft gezogen werden, die Gefäßwände verdicken, verkalken, entzünden sich und können schließlich zu relevanten Einengungen, wir sagen Koronarstenosen, führen, was schließlich dem Patienten auch Beschwerden im Sinne belastungsabhängiger Brustschmerzen, sogenannte Angina pectoris, verursacht.

Welche Herzerkrankungen sind gefährlich und warum?

Herzerkrankungen sind alle gefährlich und können alle zu erheblichen Einbußen an Lebensqualität, aber auch als ultima ratio bei dem sogenannten plötzlichen Herztod zum Ende des Lebens führen. Auch hier will ich mich auf die häufigste Herzerkrankung beschränken. Ich will aus der Präventionssicht eine besonders prekäre Situation schildern, die in der kurativen Medizin trotz bekannter Pathophysiologie (Krankheitslehre) viel zu wenig Berücksichtigung findet. Die bei der Vorfrage erwähnte Veränderung der Herzkranzgefäße stellt im Anfangsstadium noch keine Behinderung des Blutstroms durch die Arterie dar. Es treten demnach auch noch keine Beschwerden auf, es kommt noch nicht zur Angina pectoris, die dem Patienten ggf. als Warnsignal widerfährt und sich zum Arzt begibt. Aber und das ist die wichtige Konsequenz: diese flachen Veränderungen, die wir als Plaques bezeichnen, können dennoch aufreißen, rupturieren. Dies ist wie eine Art innere Verletzung, die zu einer Gerinnselbildung im Gefäß führt. Dieses wiederrum kann die Arterie akut verschließen oder weiter hinten zu einer Blockade führen. Damit haben Sie verstanden, was ein Herzinfarkt ist. Die dann noch besondere Tücke: dieser Infarkt trat ohne Vorwarnung plötzlich auf und wird von bis zu 50% der Patienten nach den großen Statistiken nicht überlebt. Das erste Symptom ist der Tod. Jetzt können Sie auch verstehen, warum Prävention so wichtig ist.

Wie kann ich mein persönliches Herzinfarkt-Risiko bestimmen lassen?

Diese Frage ist sehr gut und sollte sich eigentlich jeder einmal, insbesondere im mittleren Alter, stellen. Das Herzinfarktrisiko kann durch wenige Informationen als globales Risiko, wir sprechen von kardiovaskulären Risiko-Scores, kalkuliert werden; ausgedrückt als prozentuales Risiko einen Herzinfarkt in den nächsten 10 Jahren zu erleiden. Einige Scores geben die tödlichen Infarkte an, andere tödlich und nicht-tödliche. Ein wichtiger Score in Deutschland ist der PROCAM-Score aus dem Universitätsklinikum Münster, der auf Herrn Professor Assmann zurückgeht. Ich kann ganz schnell die Aspekte benennen, die Sie für die Kalkulation benötigen: Alter, LDL- und HDL-Cholesterin, Triglyceride, systolischer Blutdruck, blutdrucksenkende Medikamente, Nüchtern-Blutzucker, Diabetes, Zigarettenrauchen, Herzinfarkt in der Familienanamnese. Das Ergebnis diese Score ist nicht nur eine Zahl, mit der man nicht viel anfangen kann, sondern stellt eine Basis für weitere Empfehlungen (Früherkennungsuntersuchungen, lebensstilverändernde Maßnahmen) dar.

Wie kann ich mein persönliches Herzinfarkt-Risiko senken?

Sie können ein erhöhtes Risiko, das bei der Mehrheit der Menschen in modernen Industrieländern vorliegt, immer senken; prinzipiell. In erster Linie sind es Lebensstil-verändernde Maßnahmen. Neben der Raucherentwöhnung und Bewältigung anderer Suchterkrankungen wie etwa dem überzogenen Alkoholkonsum (geringer regelmäßiger Alkohol hat sogar protektive Wirkung auf die Gefäße und das Herz) sind es 3 Lebensstilsäulen, unter die Sie alles, was zur Gesundheiterhaltung notwendig ist, subsummieren können. Ich nenne Sie in Folge Ihrer prognostischen Bedeutung: Bewegung, Ernährung, Entspannung. Sollte das Risiko und spezielle Risikofaktoren deutlich zu hoch sein, dann können auch bereits Medikamente notwendig werden. Um nur einige bekannte Risiken zu nennen, die wir in der Kardiologe medikamentös behandeln: der erhöhte Blutdruck, eine Fettstoffwechselstörung, den Diabetes mellitus.

Welchen Einfluss hat die Ernährung auf das Herzinfarkt-Risiko?

Wie eben bereits ausgeführt, steht die Ernährung in den Lebensstilsäulen an zweiter Stelle. Sie ist von sehr großer Bedeutung, eine gesunde Ernährung kann das Herzinfarktrisiko bis zu 50% reduzieren! In Kenntnis der Ernährungsstudien ist mir ein Hinweis besonders wichtig: Vermeiden Sie soweit es geht Kohlenhydrate, insbesondere die raffinierten, als direkte Zuckerwaren, Süßigkeiten und Süßgetränke wie Limonaden, aber auch Brot, insbesondere Weißbrot und Brötchen, Pasta etc. Die Kohlenhydrate, ich sage manchmal etwas provokativ dazu Kohlenhydratmast, sind einer der Hauptgründe für Übergewicht und Adipositas, die epidemische Züge angenommen hat. Und dann, um etwas Positives zu sagen: Essen Sie viel, viel Obst (die Fachgesellschaften sprechen von 5 Stück Obst am Tag!), Salate, Gemüse. Und trinken Sie viel Wasser, mindestens 2 – 3 Liter pro Tag.

Was empfehlen Sie für eine gute Herzvorsorge?

Ich empfehle ein gesundes Leben in den Lebensstilsäulen Bewegung, Ernährung und Entspannung. Rauchen ist zwingend einzustellen. Täglich wären ½ Stunde ausdauersportliche Betätigung erstrebenswert, 2 x pro Woche Krafttraining. Die Ernährung hatten wir in der Vorfrage bereits erörtert. Stress sollte ausschließlich Eustress sein (etwas Stress ist gut). Aber der Dysstress, unter dem viele heutzutage stehen, also etwas schaffen zu müssen, was nicht zu schaffen ist, das muss vermieden werden. Der ursächliche Zusammenhang von Erschöpfung / Burnout und Herzinfarkt ist in den letzten Jahren belegt worden.

Und zum Schluss noch ein mir wichtiger Hinweis: Seien Sie HERZlich, versuchen Sie in sich zu ruhen, Ihre eigene Substanz zu erkennen (Meditation, aber auch einfache Besinnung kann helfen), versuchen Sie, Sie selbst zu sein, SEIN und nicht HABEN, dies wird sich automatisch in erfüllteren zwischenmenschlichen Beziehungen auswirken. Wichtig ist die Liebesbeziehung, sei es in der Paarbeziehung, die Elternliebe oder Kinderliebe. Die protektive Wirkung dieser Bezüge ist ebenfalls gut belegt.

Was sollten Frauen beachten, was ist für Männer wichtig?

Ich habe einige Male einen Vortrag gehalten, der den Titel trägt „Frauenherzen schlagen anders“. In der Tat gibt es beim Herzinfarktthema die Berechtigung der sogenannten „Gender Medicine“; in mannigfaltiger Hinsicht. Frauen bekommen sehr viel seltener einen Herzinfarkt, erst nach der Menopause holen sie auf und übertreffen dann sogar die Männer. Ob es die Östrogene sind, die einen Gefäßschutz besitzen, ist nicht vollständig geklärt. Man kann auch sagen, Frauen kriegen Herzinfarkte ca. 10 Jahre später als Männer. Wenn dies auch für Frauen sehr gut ist, so liegt die Tücke aber darin, dass die Beschwerdesymptomatik oft sehr viel unspezifischer ist. Infarkte werden deswegen bei Frauen oft verkannt. Frauen werden übrigens auch weniger katheterisiert, weiterhin ist die Komplikationsrate von Interventionen, also Herzkatheter-Eingriffen oder auch bei Bypass-Operationen höher.

Männer achten auf Ihre Gesundheit prinzipiell nicht so sorgfältig wie Frauen. Ich bekomme immer wieder Männer in unserem Check-Up-Zentrum vorgestellt, die in der Anamnese angeben, dass sie von Ihren Ehefrauen geschickt worden sind. In der Achtsamkeit auf Ihren Körper und die Gesundheit können Männer von den Frauen lernen.

Ab welchem Alter und wie häufig sollte Mann/Frau zum Check-Up?

Hier muss ich gestehen, dass es zur Beantwortung dieser Frage noch nicht viel wissenschaftliche Evidenz gibt, da uns die sogenannte Outcome-Forschung dazu noch fehlt. Wir wissen nicht – wenn wir auch durch sogenannte Surrogatparameter sehr wahrscheinlich davon ausgehen – wie sich präventive Maßnahmen auf die letztendliche Prognose auswirken. Außer den pädiatrischen U-Untersuchungen in festgelegten Zeitintervallen macht es sicherlich wenig Sinn, Kinder und Jugendliche umfangreichen Check-Up-Untersuchungen zu unterziehen. Wir müssen immer bedenken, dass Untersuchungen auch falsch positiv ausfallen können. Wenn jemand kaum ein Risiko für eine Erkrankung hat und präventiv untersucht wird, dann hat er eine hohe Rate an diesen falsch positiven Befunden. Und wir wollen die Menschen nicht „medikalisieren“.

Der präventive Hebel, wenn ich einmal die potenzielle Wirksamkeit von Präventionsmedizin so bezeichnen darf, liegt im mittleren Alter, also zwischen 35 – 65 Jahren. Aber die „jungen Alten“, die vorzeitiges Altern verhindern und Vitalität erhalten wollen, haben auch Ihre Vorteile aus einer professionellen Präventionsmedizin.

Welche Untersuchungen empfehlen Sie zur Prävention von Herzerkrankungen?

Nun, Sie erinnern sich an den erwähnten PROCAM-Score. Eine professionelle Check-Up-Medizin baut auf wissenschaftlich belegten, sogenannten Pathways, also diagnostischen Ablaufwegen, auf. Es ist nicht ein bisschen davon und ein bisschen davon, damit irgendwas vielleicht rauskommt. Der Score ist eine Basis, die den Gesundheitsinteressierten eingruppieren lässt, in einen mit niedrigen, mittleren oder hohen Risiko. Davon hängt nach Leitlinien ab, welche Untersuchungen sich daraus indizieren. Prinzipiell profitieren diejenigen im mittleren Risikobereich am meisten von weitern, aufwändigeren Untersuchungen.

Prinzipiell haben wir heute ein relativ großes Arsenal an Untersuchungsmöglichkeiten der Herzkreislauf-Früherkennung; Sie erinnern sich an die genannte Tücke der flachen Plaque, die plötzlich aufbricht und den Infarkt hervorruft. Um die Verfahren kurz zu benennen: Wir können mit Ultraschall die Arterienwände gut einsehen, nicht nur Einengungen erkennen, sondern auch die Wanddicke vermessen, zu der heute ein prädiktive Bedeutung für Schlaganfall und Herzinfarkt bekannt ist. Dann können wir mit der modernen mehrschichtigen Computertomographie den Verkalkungsgrad der Herzkranzgefäße messen. Aber auch die funktionellen Veränderungen sind mit Messungen der Gefäßelastizität messbar.

Herzvorsorge und Schlaganfallvorsorge – geht das / gehört das zusammen?

Herzinfarkt und Schlaganfall gehören absolut zusammen, wenn wir uns die Pathophysiologie (Krankheitslehre) anschauen. Auch die Europäische Kardiologengesellschaft hat vor ein paar Jahren die Präventionsleitlinien neu geschrieben und beides zusammen gebracht. Es ist meistens die sogenannte Arteriosklerose, die ich zu Beginn als Verdickung, Entzündung, Verkalkung der Arterien beschrieben habe, die beides verursacht. Wenn man Prävention betreiben will, also die Risiken verhindern oder zumindest minimieren möchte, dann ist man mit einer einheitlichen Sicht der Dinge gut beraten.

Wann empfehlen Sie eine Herzkatheter-Untersuchung?

Zunächst vorab: Wir sind in Deutschland Weltmeister des Katheterisierens, nirgendwo wird so viel kathetert und die Herzpatienten haben keinen besseren Effekt als in Ländern, in denen weniger katheterisiert wird. Durch eine sorgfältige Anamnese mit kardiovaskulärer Risikostratifikation kann, wie ich es eben genauer ausführte, durch gezielten Einsatz moderner bildgebender Diagnostik, die Katheterisierungsanzahl sinnvoll reduziert werden. Eine Aufdehnung und Stent-Implantation bei einem stabilen Patienten bringt keinen wesentlichen prognostischen Gewinn. Es gibt Studien, die Fitnessprogramme diesem Vorgehen als überlegen nachweisen konnten. Und bedenken Sie, auch wenn eine Verengung durch einen Stent beseitigt ist, die Grundkrankheit bleibt bestehen, wenn nicht präventiv agiert wird, es bleibt bei der Palliation.

Um es positiv darzustellen: Natürlich ist eine Herzkatheter-Indikation immer eindeutig gegeben, wenn ein akutes Krankheitsbild vorliegt, also ein akuter Herzinfarkt oder ein sogenannte akutes Koronarsyndrom. Hier ist zudem Eile geboten, nach dem schönen und wichtigen Spruch „time saves muscle“. Bei einem starken Brustschmerz, oft als Vernichtungsschmerz beschrieben, heißt es, den Notruf 112 anzurufen und so schnell es geht in eine katheterisierende Klinik gebracht zu werden.

Kann ich einen Herzinfarkt oder Angina Pectoris selber erkennen?

Der typische Infarktschmerz drängt einem allein von den Symptomen her die Diagnose eines akuten Herzinfarktes auf. Es ist ein starker Druck hinter dem Brustbein oder in der linken Brust, ein Zerreißen, eine Enge, oft gepaart mit fehlendem Durchatmen. Der Schmerz persistiert, er geht nicht von alleine weg. Leider ist der Schmerz aber manchmal nicht so ganz typisch, wie ich gerade ausführte habe, insbesondere bei Frauen. Aber aufgrund der prognostischen Bedeutung sollte auch ein unklarer Brustschmerz zur sofortigen Abklärung führen: Griff zum Telefon und den Notruf 112 wählen.

Wie kann das Risiko für einen weiteren Herzinfarkt verringert werden?

Dies nennen wir Sekundär- oder auch Tertiärprävention, die sogar in der Effektivität oft besser ist als die Primärprävention. Die Rehabilitationsmedizin, früher immer stationär, heute häufig auch ambulant, ist hilfreich, um denjenigen zum gesunden Leben zu führen. Ansonsten gilt im Grund alles genauso wie in der Primärprävention. Ein Unterschied zur Primärprävention ist, dass nach dem Herzinfarkt immer eine gewisse Anzahl an Medikamenten eingenommen werden muss, von der die Reduktion weiterer Infarkte oder auch von Tod klar wissenschaftlich bewiesen ist. Ich darf diese kurz beim Namen nennen: Aspirin (Blutverdünner), Statine (Cholesterin), Betablocker (Streßschutz für das Herz), ACE-Hemmer oder Sartane (leichtere Arbeitsbedingungen des Herzens).

Was gibt es derzeitig Neues bei der Prävention von Herzerkrankungen?

Es gibt eine ganze Menge an Innovationen, die auch zukunftsträchtig sind. Es sind oft Erkenntnisse aus mittlerweile guten Studiendaten, die wir früher nur aus Observationsstudien, also Beobachtungsstudien hatten. Ich will exemplarisch ein paar mir wichtige neue Erkenntnisse erwähnen, die auch in die gelebte Prävention Eingang finden: Bei der Bewegung haben wir den früher als ausreichend empfundenen Ausdauersport (deswegen hatte sich der Begriff „Cardio-Training“ in Fitness-Studien eingebürgert) um das Krafttraining erweitert. Wir wissen heute, dass wir für den Stoffwechsel Muskulatur benötigen.

Bei der Ernährung haben wir zum Teil fundamental umdenken müssen. Wir können aufgrund der Studien nicht mehr die Fette verteufeln, noch nicht einmal die Eier. Neben den als gesundheitsfördernden ungesättigten Fetten, allen voran die Omega-3-Fettsäure, sind auch die gesättigten Fette nicht das Problem. Vielmehr ist das Übermaß an Kohlenhydraten das Problem. Dann haben wir durch prospektive Studien erkennen müssen, dass Vitaminpillen nicht nur nichts bringen, sondern zum Teil sogar vermehrt Herzinfarkte hervorrufen. Wir können diese heute nicht mehr akzeptieren und müssen diese ab Empfehlen. Anders ist es beim Vitamin D (dem Sonnenhormon) das nach meinen eigenen Erfahrungen meist zu gering ist. Wir wissen, dass eine vernünftige Anhebung, oft nur möglich durch Supplementierung, zu einer Halbierung der Herzinfarktrate führt.

Zum Thema Entspannung hat sich in den letzten 10 Jahren eine neue Medizin entwickelt, die Stressmedizin. Wir haben heute sehr brauchbare diagnostische Parameter, um das Problem Stress messen zu können und es nicht nur im oft Vagen ausschließlich der Psychologie zu überlassen.

Und wie ich bereits ausführte, wirklich neu und erst wenige Jahre alt sind die Früherkennungsmethoden, mit denen wir weit vor Eintreten von subjektiven Beschwerden beim noch Nicht-Patient die Diagnostik betreiben können, um gezielt Prävention betreiben zu können. Das ist faszinierend und im Grunde ein Paradigmenwechsel in der Medizin, wir warten nicht mehr auf das Symptom und betreiben eine Medizin des Gesunden.

Welche Neuerungen erwarten Sie in den nächsten 3-5 Jahren?

Eine noch sehr frühe Innovation, die ich bei der vorherigen Frage noch nicht genannt hatte, ist die Genetik. Sie ist derzeit noch nicht vollständig evident, wird es aber werden. Es geht weniger um eine allgemeine Krankheitsgefährdung. Was haben Sie davon, wenn Sie um eine Disposition zum Morbus Alzheimer wissen, lediglich eine psychologische Beunruhigung. Nein, es geht um eine bessere Lebenseinstellung mittels Pharmako- und Nutrigenomik. Es wird kommen, dass die Wahl und Dosierung von Medikamenten personalisiert wird, denn jeder Mensch verstoffwechselt Medikamente ganz unterschiedlich: was bei dem einen kaum wirkt, führt beim anderen zu Nebenwirkungen. Viele Beschwerden von Nahrungsmittelunverträglichkeiten werden nicht mehr notwendig. Schließlich verwende ich bereits genetische Risikoerkenntnisse bei Menschen, die so gar kein klassisches Risikoprofil aufweisen, aber dennoch eine koronare Herzkrankheit entwickeln.

Bei einem der Haupttäter der koronaren Herzkrankheit, die Dyslipidämie / Fettstoff­wechselstörung, die wir bereits heute recht gut mit Statinen behandeln können, werden wir demnächst mit sogenannten PCKS9-Inhibitoren noch wesentlich potenter behandelt können. Das wird die kardiovaskuläre Prävention erheblich verbessern.

Da wir uns die zunehmende Krankheitslast im Zusammenhang mit dem demographischen Wandel nicht mehr leisten können (das Gesundheitswesen andernfalls zu kollabieren droht) werden wir in den nächsten Jahren Präventionsprogramme in Betrieben (in den „Verhältnissen“), aber auch wie bei der Prävention in der Zahnheilkunde in viel umfangreicherem Maßstab im Individuellen haben (im „Verhalten“). Krankenversicherungen sind derzeit noch zurückhaltend, denken aber bereits über die Implementierung der Krankheitsvermeidung konkret nach. Ich denke, wir werden in den nächsten Jahren einen erheblichen Strukturwandel im Gesundheitswesen erleben und dies nicht abhängig davon, ob wir wollen oder nicht, sondern weil wir müssen.

Quelle:  Textfassung zum Frag-den-Professor.de – Experten-Interview mit Herrn Prof. Dr. med. Uwe Nixdorff zum Thema Herzvorsorge / Prävention von Herzerkrankungen,  Stand August 2015


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