Unser Experte für Rückenschmerzen – Basics

PROF. DR. MED. ANDREAS KRÖDEL
kroedel

Spezialisierungen:
Rückenschmerzen, Wirbelsäulen-Chirurgie, Gelenk-Endoprothetik

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie des Alfried-Krupp-Krankenhaus in Essen-Rüttenscheid. Zusatzqualifikationen in der Sportmedizin, Rheumatologie, Chirotherapie, Physikalischen Therapie und der speziellen orthopädischen Chirurgie. Spezialisierung in Wirbelsäulenchirurgie und Gelenk-Endoprothetik.

 

Die Mitschrift des Interviews mit Prof. Dr. med Andreas Krödel zum Thema “Rückenschmerzen”

Was sind die Ursachen für Rückenschmerzen?

Rückenschmerzen können unterschiedliche Ursachen haben. Wir müssen zunächst einmal unterscheiden: Den einfachen Rückenschmerz, den jeden von uns einmal erleiden kann, wo es zu einem plötzlichen Schmerzsymptom kommt. Meistens sind das Fehlbewegungen. Da kommt es zu Fehlstellungen in kleinen Wirbelgelenken oder in dem so genannten Kreuz-Darmbeim-Gelenk, eine einfache und unkomplizierte und ungefährliche Erkrankung. Davon zu unterscheiden sind die Rückenschmerzen, die mit ausstrahlenden Schmerzen in die Beine einhergehen oder in die Arme. Das sind meistens Rückenschmerzen mit einem Nervenreizsyndrom. Hier muss man besser aufpassen. Die Ursache ist oftmals ein Bandscheibenvorfall oder bei älteren Menschen eine Einengung des Rückenmarkskanales. Komplizierte Rückenschmerzen bezeichnen wir sodann, wenn Allgemeinsymptome dabei sind. Wenn der Patient stärkste Schmerzen hat, die eher zunehmen als abnehmen über die Zeit. Wenn er Gewicht verloren hat, wenn er einen Unfall gehabt hat, wenn er Fieber hat und wenn er zum Beispiel einen Nachtschmerz hat, was fast immer Hinweis auf eine entzündliche Ursache des Rückenschmerzes ist.

Wann sollte ich bei Rückenschmerzen einen Arzt aufsuchen?

Bei den einfachen Rückenschmerzen braucht man nicht zum Arzt zu gehen. Diese Symptome werden sich über die Zeit wieder legen und wieder in die Normalität alles zurückführen. Wir sollten zum Arzt gehen dann, wenn mit dem starken Rückenschmerz ausstrahlende Schmerzen in die Arme oder Beine vorhanden sind, was immer ein Hinweis darauf ist, das eine so genannte Nervenwurzel gereizt, irritiert ist. Wir sollten dann zum Arzt gehen, wenn wir zusätzlich zu den Rückenschmerzen Allgemeinsymptome wie Fieber haben, wenn wir uns abgeschlagen fühlen, wenn wir Gewicht verloren haben, ohne dass wir es wollten, oder wenn zum Beispiel ein Unfall stattgefunden hat, ein Sturz oder eine plötzliche schwerwiegende Gewalteinwendung auf den Rücken.

Ist bei Rückenschmerzen der Hausarzt der richtige Ansprechpartner?

Der Hausarzt kann ganz gut die unterschiedlichen Formen des Rückenschmerzes unterscheiden. Er kann den einfachen Rückenschmerz von dem Rückenschmerz mit Nervenreizerscheinungen unterscheiden; von dem komplizierten Rückenschmerz unterscheiden, der mit Allgemeinsymptomen einhergeht, der Fieber mit beinhaltet, nächtliche Schmerzen oder aber Folge eines Unfalls ist. Dementsprechend ist der Hausarzt derjenige, der als erstes aufgesucht werden sollte. Er kann dann den Spezialisten zu Rate ziehen.

Welche Untersuchungen führt der Orthopäde durch?

Der Orthopäde wird zunächst einmal eine genaue Vorgeschichte bei Ihnen erheben. Er wird fragen, wann der Rückenschmerz das erste Mal aufgetreten ist, ob er in die Beine oder Arme ausstrahlt, um einen Hinweis zu bekommen ob ein Nerv eingeklemmt ist, zum Beispiel. Er wird fragen, ob Allgemeinsymptome dabei sind, wie zum Beispiel Fieber oder nächtliche Schmerzsymptomatik. Er wird nach Unfällen fragen, um einen so genannten komplizierten Kreuzschmerz auszuschließen. Bei der nachfolgenden Inspektion des Rückens – und hierbei wird nicht nur der Rücken sondern auch der Bauch und der gesamte Rumpf beurteilt – wird man sich die Muskulatur anschauen. Man wird schauen, ob irgendwelche Deformitäten bestehen oder Achsabweichungen der Wirbelsäule. In der nachfolgenden Funktionsuntersuchung schaut man, ob die Beweglichkeit der Wirbelsäule normal ist. Man kann bei diesen Untersuchungen selbstverständlich auch einen Anhalt dafür finden, ob eine Nerveneinschränkung vorhanden ist, ein Nervenschaden vorhanden ist, insbesondere auch, ob so genannte motorische Schäden vorhanden sind, das heißt Schwächen in bestimmten Muskeln.

Was hilft bei akuten Rückenschmerzen?

Bei akuten Rückenschmerzen ist es zunächst einmal wichtig, dass man die Nerven behält. Und nicht denkt, dass man gleich sterben muss, weil es so arg weh tut und so plötzlich kommt. Man sollte also ganz ruhig bleiben und einmal abwarten was passiert. In den meisten Fällen wird sich der akute Rückenschmerz innerhalb von einem Tag und vielleicht einer oder zwei Wochen wieder zurück bilden. Wenn die Beschwerden zu stark sind, kann man gerne einmal ein Schmerzmittel einnehmen, ein mildes Schmerzmittel, wie zum Beispiel Paracetamol oder Aspirin®. Man kann natürlich auch ein entzündungshemmendes Präparat einnehmen. Ein Standartpräparat wäre das Diclofenac oder Ibuprofen, was es in den unterschiedlichsten Darreichungsformen gibt und was üblicher Weise in der Lage ist, diesen akuten Schmerz zu durchbrechen und die wichtige alltägliche Belastung wieder zuzulassen.

Ist Physiotherapie hilfreich bei akuten Rückenschmerzen?

Im ganz akuten Fall, wenn man sich also nach einem Hexenschuss schon gar nicht mehr bewegen kann, wird man natürlich keine Bewegungsübungen unter krankengymnastischer Anleitung durchführen können. Was man aber tun kann, ist, dass man die Muskulatur mit speziellen Übungen anspannt. Vielfach wirkt das sehr lindernd auf die Schmerzsymptomatik, so dass man nach und nach wieder in Gang kommt. Dem entsprechend ist auch beim akuten Rückenschmerz eine physiotherapeutische Behandlung indiziert und sinnvoll.

Können Rückenschmerzen operativ behandelt werden?

Rückenschmerzen können operativ behandelt werden. Voraussetzung ist, dass man sie genau diagnostiziert und dass man im Rahmen der Diagnosefindung ganz genau herausarbeitet, welche Strukturen an der Wirbelsäule geschädigt sind und welche Strukturen den Schmerz verursachen. Wir haben dann unterschiedliche operative Maßnahmen zur Verfügung: Zum einen, dann wenn ein Rückenschmerz mit ausstrahlenden Schmerzen in die Beine vorliegt, ein Nervenschaden vorliegt: Dann können wir eine so genannte Bandscheibenoperation mikrochirurgisch mit Mikroskop, mit Endoskop durchführen und können üblicherweise sehr gute Ergebnisse erzielen. Aber auch bei den nekrotischen Schäden, wo eine gesamte Bandscheibe, ein Bewegungssegment zerrüttet ist, wo es zu Schäden auch der kleinen Wirbelgelenke kommt, können wir operativ helfen. Wir tun dies in unserer Klinik häufig minimalinvasiv, das heißt, wir brauchten für die relativ großen Operationen nur noch sehr, sehr kleine Inzisionen, um die erforderlichen operativen Maßnahmen durchzuführen.

Wie verhalte ich mich im Alltag rückengerecht?

Rückengerechtes Verhalten im Alltag beinhaltet eigentlich, das wir immer versuchen müssen und immer aktiv darin sein müssen, unsere Rumpfmuskulatur in einem guten Zustand zu erhalten. Auch derjenige, der einen Bürojob hat, der einen sitzenden Arbeitsplatz hat und der eigentlich sich körperlich gar nicht mehr betätigt, ist sich selbst seinem Körper gegenüber verpflichtet, die Muskulatur des Rumpfes und eigentlich des gesamten Körpers gut in Schuss zu halten. Er soll dies tun in der Freizeit. Es kann im Sportverein teilnehmen, er kann in einem Fitnessstudio arbeiten, er kann mit seiner Familie, mit seinen Freunden in den Wald gehen, joggen. All das sind sehr günstige Sachen und sollten von jedem durchgeführt werden, mit dem Ziel, den Körper gut in Schuss zu halten, die Muskulatur in einem guten Zustand zu belassen. Das ist die beste Prävention, das beste rückengerechte Verhalten, was man im Alltag schaffen kann.

Was kann ich selber zur Vorbeugung tun?

Das wichtigste Stichwort ist Aktivität. Wir sind heute bei unserem normalen Lebenswandel einfach dazu verpflichtet, dass wir etwas für unsere Rumpfmuskulatur und unsere Extremitäten-Muskulatur tun – freiwillig. Und zwar auch grade dann, wenn wir noch keine Symptome vom Rücken haben, einfach um die Möglichkeiten der Rückenbeschwerden auszuschalten. Wir können dies im freizeitsportlichen Bereich tun. Es gibt viele Fitnessstudios, wir können das in Mannschaften tun, wir können das zusammen mit unseren Familien, unseren Freunden machen. Wichtig ist, das man es tun und das man ganz bewusst was tut für die Rumpfmuskulatur.

Was ist eigentlich ein Hexenschuss?

Der Hexenschuss ist eigentlich so der Prototyp des akuten Rückenschmerzes. Wir machen eine Bewegung, beim Aussteigen aus dem Auto, beim Hochheben eines Gegenstandes oder auch im Sport und danach haben wir das Gefühl, jetzt sind wir blockiert, es geht keine Bewegung mehr. Wir haben starke Schmerzen, wir müssen unsere Aktivität einstellen und haben entsprechende Beeinträchtigungen der Funktion. Das ist ein so genannter Hexenschuss und wird eigentlich so im Volksmund gut beschrieben mit diesem Wort.

Wann spricht man von chronischen Rückenschmerzen?

Chronische Rückenschmerzen sind eine schwerere Erkrankung, muss man sagen. Und man spricht eigentlich davon, wenn Rückenschmerzen ununterbrochen und kontinuierlich über einen bestimmten Zeitraum – wir haben den definiert als 3 Monate – ununterbrochen anhalten. Das ist eine Bedingung, die für den chronischen Rückenschmerz sprechen muss. Etwas anders ist aber auch, dass durch den chronischen Rückenschmerz das Leben beeinträchtigt wird, die Lebensqualität beeinträchtigt wird, das Verhalten beeinträchtigt wird. Solche Rückenschmerzen würde man dann als chronischen Rückenschmerz bezeichnen.

Wie werden Rückenschmerzen langfristig behandelt?

Zunächst einmal wird man den Patienten, der über einen längeren Zeitraum Rückenschmerzen hatte und darunter leidet entsprechend anleiten, um sich so zu sagen selbst zu helfen. Er soll selbsttätig Krankengymnastik machen, er soll in dem Rahmen, der ihm von seiner gesamten körperlichen Verfassung möglich ist, aktiv sein, Freizeitsport betreiben und sein Muskelkorsett letztendlich automatisch kräftigen. Wenn man mit all diesen Maßnahmen, auch medikamentösen Maßnahmen, nicht zu Rande kommt und für den Patienten keine ausreichende Lebensqualität erreichen kann, muss man natürlich auch die Notwendigkeit und Möglichkeit operativer Maßnahmen überprüfen, was dann eine weitere Diagnostik erst einmal nach sich ziehen wird.

Darf ich trotz Rückenbeschwerden schwere Dinge anheben?

Im akuten Rückenschmerz, also wenn wir einen so genannten Hexenschuss haben, wird das jeder vermeiden. Wenn wir eine lang dauernde und nicht mehr ganz so aktive Rückenschmerzsymptomatik haben, dann darf man natürlich auch schwere Dinge heben. Man muss es sogar tun im Alltag. Aber man ist dann gut beraten, wenn man es in einer rückengerechten Form tut und seine Muskulatur in dem Oberschenkelbereich, im Beinbereich gut einsetzt, was praktisch hilfreich ist beim Anheben eines schweren Gegenstandes.

Was gibt es derzeitig Neues bei der Behandlung von Rückenschmerzen?

Einmal sicherlich die Einstellung zur Behandlung. Alles, was wir heutzutage in der Therapie tun für den Patienten mit Rückenschmerzen, soll dazu führen, dass er so schnell wie möglich wieder in seinen Alltag kommt. Heute sind wir gar keine Freunde von langwöchigen Kurbehandlungen, wo jemand praktisch aus seinem normalen Leben herausgenommen wird. Sondern wir empfehlen kurzfristig physikalische Therapie, medikamentöse Therapie und dann Wiedereingliederung in den normalen sozialen Prozess, in den Arbeitsprozess zum Beispiel. Auf dem operativen Gebiet haben sich sicherlich auch Fortschritte eingestellt. Ich habe es schon angesprochen: Wir können heute viele Sachen mikrochirurgisch operieren. Viele Sachen, die wir früher mit großen Operationen, mit weiten, großen Schnitten nur haben beherrschen können, können wir heute mit kleinen Hautschnitten durchführen – mit großer Übersicht, entsprechender Technologie im Hintergrund, so dass die Belastung für den Patienten insgesamt deutlich weniger geworden ist. Auch das ist enorm wichtig, eben um den Patienten wieder schnell in seinen normalen Tagesablauf, in sein normales Leben zurück zu bringen.

Welche Innovationen erwarten Sie in den nächsten 3-5 Jahren?

Ich hoffe, dass wir in der Diagnostik weiter kommen können und noch genauer die Ziele unserer Operationen und unserer Therapie herausarbeiten können, noch genauer herausfinden können, welche Struktur an der Wirbelsäule im individuellen Falle schmerzhaft ist. Dann gehe ich davon aus: Können wir diese Schäden, die wir entdecken, operativ sehr gut angehen mit unseren minimalinvasiven Techniken, die eine geringe Belastung für den Patienten letztendlich bedeuten und die eine schnelle Wiedereingliederung in das normale Leben, in sein soziales Umfeld, in den normalen Ablauf beinhaltet und möglich macht. Auf medikamentösem Gebiet glaube ich, werden wir vielleicht dazu kommen, mit neuen Schmerzmitteln die Schmerzen etwas besser einstellen zu können. Ein Mittel, was letztendlich durch Tabletteneinnahme die Wiederherstellung von degenerativ veränderten Strukturen möglich macht, werden wir in den nächsten 3 bis 5 Jahren sicherlich nicht erleben – das wird sehr viel längere Zeit in Anspruch nehmen.

Quelle: Frag-den-Professor.de – Experten-Interview mit Herrn Prof. Dr. med. Andreas Krödel zum Thema Rückenschmerzen, aufgenommen als Video im Mai 2012


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