Unser Experte für Grippe – Basics

PROF. DR. MED. HARTMUT HENGEL
hengel

Spezialisierungen:
Medizinische Mikrobiologie und Virologie, Immunologie, Grippeschutzimpfung

Facharzt für medizinische Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie, Lehrstuhlinhaber und Direktor des Instituts für Virologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

 

Die Mitschrift des Interviews mit Prof. Dr. med Hartmut Hengel zum Thema “Grippe”

Virusgrippe und grippaler Infekt – was sind die Unterschiede?

Der Virologe unterscheidet da ganz genau, weil er auf den Erreger schaut. Und die echte Grippe wird durch die Influenza-Viren, die echten Grippeviren, verursacht. Aber es gibt ganz viele andere Viren, die ähnliche Krankheitsbilder hervorrufen können und die führen zum grippalen Infekt. In Wirklichkeit ist jetzt die Unterscheidung an rein klinischen Merkmalen, also wie schwer bin ich erkrankt, wie hoch ist das Fieber, wie lange bin ich erkrankt, wie fühle ich mich, schwer zu treffen. Ganz objektiv kann man die Unterscheidung nur treffen, wenn man den Patienten mit genauen Labormethoden untersucht und das ist die Arbeit des Virologen. Und da der Virologe das macht, unterscheidet er natürlich ganz genau zwischen den echten Grippefällen, die durch das Influenzavirus bedingt sind und den grippalen Infekten, die durch andere Viren bedingt sind. Wie zum Beispiel das Rhinovirus, das kennen sie vielleicht als Schnupfen-Virus oder viele andere Viren, die auch den Respirationstrakt befallen können.

Welche Symptome sprechen für eine „echte Grippe“?

Für die echte Influenza-bedingte Virusgrippe sprechen starke Symptome, dazu gehört ein plötzlicher Beginn, meistens mit relativ hohem Fieber, starkes Krankheitsgefühl, katarrhalische Symptome, also dass man dann zum Beispiel aus der Nase Sekret absondert oder vielleicht sogar schon eine Bronchitis entwickelt, und dann Kopfschmerzen und Gliederschmerzen. Das ist der typische Verlauf einer heftigen Grippe. Aber es gibt eben auch gelegentlich mildere Verläufe, die nicht so typisch erscheinen, die man aber auch ernst nehmen muss.

Wie werden Grippe-Viren übertragen?

Die echten Grippe-Viren, die Influenza-Viren, werden über zwei verschiedene Wege übertragen. Zum einen können sie aus den Respirationstrakt, aus der Lunge ausgeatmet werden und dann als Aerolsol, als kleine Tröpfchen, über gewisse Distanzen von bis zu einigen Metern zum nächsten Patienten kommen. Die andere Möglichkeit ist, dass man Influenza-haltiges Sekret an der Hand hat, zum Beispiel weil man sich an die Nase gefasst hat, weil man mit dem Taschentuch geschnäuzt hat, und diese Hände sind dann natürlich auch Virus-behaftet und so kann man dann auch durch Hautkontakte das Virus übertragen. Auf diese Art und Weise unterscheidet sich das Influenza-Virus im Übertragungsmodus zum Beispiel vom Schnupfen-Virus, vom Rhinovirus, das wird nur durch direkte Kontakte, also kontaminierte Hände, übertragen und geht nicht als Aerosol durch die Luft.

Welche Grippe-Viren sind besonders gefährlich?

Das ist eine interessante Frage für den Virologen und das bedeutet, dass ich etwas ausholen muss und ihnen erklären muss, wie man die Influenzaviren unterscheidet, denn in der Tat gibt es verschiedene Subtypen. Es gibt das Influenza A Virus mit der Version H3N2, ein anderes heißt H1N1 und es gibt Influenza B Viren. Wenn man nun größere Untersuchungen über größere Zeiträume in verschiedenen Ländern macht, dann kann man nachweisen, dass das Influenza H3N2 Virus in den letzten Jahren jedenfalls das war, welches die schwersten Erkrankungen hervorgerufen hat. Im Einzelfall mag das durchaus anders sein, da kann auch das Influenza B Virus schwere Infektionen hervorrufen, aber wenn man das in der gesamten Bevölkerung studiert, dann scheint das H3N2 das gefährlichste.

Wie wird eine Virusgrippe diagnostiziert?

Da muss man etwas unterscheiden zwischen der klinischen Diagnose, die der behandelnde Arzt trifft, der den Verdacht dann auf eine Grippevirus-Infektion äußert und der objektiven Diagnose, die der Virologe im Labor stellt. Um also aus der Verdachtsdiagnose des Arztes, des Hausarztes, des Kinderarztes, des Internisten, eine definitive erregergestützte Diagnose zu machen, braucht es eine Fachuntersuchung im Labor. Das wird in der Regel so durchgeführt, dass ein respiratorisches Material des Patienten untersucht wird, in der Regel ein tiefer Nasenabstrich oder auch ein Trachealsekret, in dem Influenza-Virus enthalten ist. Das wird dann im Labor untersucht und dann objektiv festgestellt, dass dort Influenza-Virus enthalten ist. In der Regel, jedenfalls in unserem Labor, wird dann auch der Subtyp bestimmt, sodass wir genau sagen können, das ist die Viruskonzentration von Influenza A oder B in dem jeweiligen Patienten und haben dadurch auch die Möglichkeit die Virusbelastung des Patienten über die Zeit zu verfolgen und festzustellen, wann der Patient wieder virusfrei ist.

Wie wird die Grippe am besten behandelt?

Also die reine Virusgrippe, die nicht von einer Co-Infektion mit Bakterien begleitet wird, kann in den meisten Fällen symptomatisch behandelt werden. Also etwa dadurch, dass man das Fieber reduziert. Wenn ein schwerer Verlauf vorliegt oder Risikomerkmale beim Patienten, beispielsweise ein Asthma, dann muss man natürlich sehr kritisch darüber denken und auch eine speifische virustatische Therapie mit in Betracht ziehen. Ist es zu einer bakteriellen Co-Infektion gekommen, dann ist eine antibiotische Therapie, die sich gegen die Bakterien richtet, in vielen Fällen erforderlich.

Wann ist die Einnahme von Antibiotika sinnvoll?

Antibiotika sind bei einer reinen Virusgrippe nicht wirksam. Antibiotika wirken nur gegen Bakterien. Insofern ist bei einer reinen Influenza-Infektion ohne Beteiligung von Bakterien eine Antibiotikatherapie nicht erforderlich. Oft kommt es jedoch zu einer Co-Infektion, das heißt das Grippevirus schädigt den Respirationstrakt, die Lunge, was dann dazu führt, dass Bakterien eine Co-Infektion verursachen. In diesen Fällen sollte natürlich eine antibiotische Therapie in Betracht gezogen werden. Allerdings sollte die dann auch gezielt erfolgen und man sollte die Bakterien im Labor auf die Empfindlichkeit des ausgesuchten Antibiotikums dann auch dann testen, so dass man weiß, das Antibiotikum wirkt.

Sollte ich bei einer Grippe das Fieber senken oder besser nicht?

Das Fieber hat seinen Sinn bei der Bekämpfung der Influenza-Infektion, denn bei höheren Temperaturen, also Fieber, vermehrt sich dieses Virus in unserem Respirationstrakt schlechter. Von daher hat das Fieber also einen gewissen Vorteil. Auf der anderen Seite, wenn das Fieber sehr stark anstiegt, wenn das Krankheitsgefühl massiv wird, dann sollte man natürlich doch die Fiebersenkung in Betracht ziehen und entsprechende Medikation beginnen.

Welche Komplikationen können auftreten?

Es gibt häufige Komplikationen bei einer Influenza-Infektion, zum Beispiel die Mittelohrentzündung – die Otitis media – die man dann auch gegebenenfalls antibiotisch behandeln muss und es gibt weitere Komplikationen, die können recht schwerwiegender Natur sein, zum Beispiel eine Herzmuskelentzündung – eine Myokarditis – oder in seltenen Fällen auch eine Entzündungsreaktion gegen das periphere Nervensystem – das Guillain Barré-Syndrom. All das sind schwere Erkrankungen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Wann kann ich wieder Sport treiben und arbeiten gehen?

Eine ganz feste Regel gibt es da nicht, dass man sagen würde so und so viele Tage oder Wochen, aber was man allgemein sagen muss ist, die Grippeinfektion kann Komplikationen verursachen, die sich nach der überstandenen Infektion erst zeigen. Zum Beispiel im Bereich des Herz-Kreislauf-Systems oder eine Myokarditis, eine Herzmuskelentzündung. Und von daher sollte man wirklich darauf achten, dass die Grippe komplett ausgeheilt ist und sich erst dann wieder Sport oder auch eine anstrengende Berufstätigkeit zumuten.

Welchen Stellenwert haben homöopathische Therapien?

Bei den homöopathischen Therapien gibt es ein Problem: es gibt keine klinischen Studien, die die Wirksamkeit objektiv nachweisen. Von daher fällt es mir ein bisschen schwer, solche Therapien hier zu empfehlen.

Welchen Schutz bietet die jährliche Grippe-Impfung?

Die Grippe-Impfung wird von der ständigen Impfkommission, der ich auch angehöre, empfohlen für alle Personen ab dem 60. Lebensjahr und für alle chronisch Kranken, die ein erhöhtes Risiko haben durch eine Influenza wirklich zu schwerem Schaden zu kommen. Also es sind zum Beispiel Patienten mit chronischen Stoffwechselstörungen, zum Beispiel Diabetes mellitus, oder Patienten mit chronischer Nierenerkrankung oder Patienten mit chronischer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder Patienten mit chronischen Leiden des zentralen Nervensystems, zum Beispiel Multiple Sklerose. Alle diese Patienten sollten sich jährlich eine Grippeschutz-Impfung holen, denn das ist die einzige präventive Möglichkeit, die wir wirklich haben, die gegen die Grippe tatsächlich hilft.

Wie kann ich mich vor einer Infektion am besten schützen?

Zum einen möchte ich noch einmal an die Impfung erinnern, die wir gerade schon kurz angesprochen hatten. Die Impfung, rechtzeitig durchgeführt im Herbst, schützt vor der Infektion im Winter. Darüber hinaus gibt es natürlich andere vorbeugende Maßnahmen, zum Beispiel im Bereich der Händehygiene. Also Händewaschen schützt natürlich vor der Übertragung über Hautkontakt. Oder wenn man in Räumen ist mit anderen möglicherweise Influenza-Kranken, dann hilft es, wenn man diese Räume lüftet, um auf diese Weise die Übertragung durch die Luft zu reduzieren.

Gibt es Risikofaktoren für eine Grippe-Erkrankung?

Gibt es Risikofaktoren für eine Grippe-Erkrankung? Ja, die gibt es. Chronische Grunderkrankungen sind Risikofaktoren. Zum Beispiel eine chronische Herz-Kreislauf-Erkrankung, eine chronische Erkrankung der Nieren, also zum Beispiel bei Dialyse-Patienten, eine chronische Lebererkrankung, eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems, wie die Multiple Sklerose, und natürlich chronische Erkrankungen der Atemwege, der Lunge, wie zum Beispiel Asthma bronchiale. All diese Patienten sollten unbedingt zur Grippeschutzimpfung gehen im Herbst, um auf diese Art und Weise einem schweren Verlauf der Influenza vorzubeugen.

Quelle: Frag-den-Professor.de – Experten-Interviews mit Herrn Prof. Dr. med. Hartmut Hegel zum Thema Grippe, aufgenommen als Video im Juli 2013


Publikationen

DIE PUBLIKATIONEN DES EXPERTEN
publikationen-big-hover';

Unsere Experten sind Kompetenzen auf Ihrem Gebiet und haben bereits viel publiziert.

Publikationen ansehen

Lebenslauf

DER LEBENSLAUF UNSERES EXPERTEN
lebenslauf-big-hover';

Lernen Sie unseren Experten kennen. Ein kurzer Überblick über die Karriere des Experten.

LEBENSLAUF ANSEHEN

Ämter

DIE ÄMTER UNSERES EXPERTEN
aemter-big-hover';

Die Experten auf Frag-den-Professor.de sind Kompetenzen auf Ihrem Gebiet - Ein Einblick in ihre Ämter.

ÄMTER ANSEHEN