Unser Experte für Multiple Sklerose – Basics

PROF. DR. HANS-PETER HARTUNG
hartung

Spezialisierungen:
Multiple Sklerose, Neuroimmunologie, Neurologie

Direktor der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Düsseldorf. Er beschäftigt sich seit 30 Jahren mit den Grundlagen der Multiplen Sklerose, ist aktiv bei Planung und Koordinierung von internationalen klinischen Studien und ehemaliger Präsident der Internationalen Multiplen-Sklerose-Forschungsgesellschaft ECTRIMS.

 

Die Mitschrift des Interviews mit Prof. Dr.  Hans-Peter Hartung zum Thema “Multiple Sklerose “

Was ist Multiple Sklerose? Was sind die Ursachen?

Die multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, also des Gehirns und des Rückenmarks. Sie führt dazu, dass die Nervenleitfähigkeit gestört bzw. aufgehoben ist, das ist letztlich die Ursache der verschiedenen Symptome.

Welche Anzeichen sprechen für eine Multiple Sklerose?

Es gibt verschiedene Anzeichen der Erkrankung, die alle aus dem Befall unterschiedlicher Bezirke des zentralen Nervensystems resultieren. Am häufigsten sind Sensibilitätsstörungen, Missempfindungen, Taubheitsgefühle, Gangstörungen, Gangunsicherheit, Sehstörungen, aber es können auch Blasenstörungen, Sexualfunktionsstörungen eintreten. Also eine ganze große Vielfalt von Symptomen.

Wer ist von Multiple Sklerose am häufigsten betroffen?

Am häufigsten sind deutlich jüngere Erwachsene und hier deutlich häufiger Frauen betroffen. In Deutschland leiden etwa 130.000-150.000, weltweit 2,5 Millionen Patienten an multipler Sklerose.

Wie wird eine Multiple Sklerose diagnostiziert?

Hier stützt sich der Arzt auf die Krankengeschichte, den Nachweis von Symptomen, die wiederholt auftreten und auf eine MS hinweisen, die neurologische Untersuchung, die ebenfalls den Befall verschiedener Abschnitte des Nervensystems dokumentieren muss, die Kernspintomografie, die Entzündungsherde im Gehirn oder Rückenmark zeigt, die Lumbalpunktion, also die Untersuchung des Nervenwassers, die zeigt eine chronische Entzündung und schließlich andere sogenannte neurophysiologische Verfahren, mit denen die Funktionsfähigkeit der Nervenkabel überprüft wird.

Was ist typisch für den Verlauf einer MS-Erkrankung?

In der großen Mehrzahl der Fälle ist die Erkrankung schubförmig, das heißt es tritt ein Symptom auf, das kann einige Wochen bis Monate anhalten, und bildet sich anfänglich komplett zurück. Nach nicht vorhersehbaren Intervallen kann es neuerlich zu diesem Schub kommen und im Verlauf der Erkrankung nimmt die Rückbildungsfähigkeit ab und es sammelt sich sozusagen Behinderung an.

Kann ich das Fortschreiten der Multiplen Sklerose verhindern?

Im Moment leider nicht, wir können aber den Verlauf deutlich günstiger beeinflussen, so dass das Fortschreiten langsamer verläuft.

Wie wird Multiple Sklerose behandelt?

Der akute Schub einer multiplen Sklerose wird mit hochdosierten Kortikosteroiden behandelt und dann je nach Verlaufsform und Schwere gibt es sogenannte immunmodulierende Substanzen, die fehlgeleitete Immunreaktionen in ihrem Ausmaß eingrenzen, zum Beispiel die sogenannten ß-Interferone oder das Glatirameracetat. Seit 5 Jahren gibt es ein weiteres sehr effektives Medikament, einen sogenannten monoklonalen Antikörper und schließlich seit einem Jahr eine Tablette, die ebenfalls sehr genau auf das Immunsystem einwirkt und sehr positive Effekte zeigt.

Wie wirkt sich eine MS im Alltag des Betroffenen aus?

Wenn Sie sich an die Symptome erinnern, die ich ihnen eben erzählte, dann heißt das zunächst eingeschränkte Mobilität. Die Patienten können sich nicht mehr so gut und vor allem nicht lange und ausdauernd bewegen. Sie haben Störungen ihrer Sinnesfunktionen, das Sehen kann beeinträchtigt sein. Es gibt ein sehr uncharakteristisches Symptom, die sogenannte Fatigue oder Ermüdbarkeit, die alle Bereiche des Lebens, geistige Funktionen wie körperliche betrifft und die kognitiven Einschränkungen oder die emotionale Störung haben auch erhebliche Einwirkung und Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit, aber auch auf die familiäre Interaktion.

Kann ich als MS-Patient Autofahren?

Das hängt ganz davon ab, in welchem Umfang sie behindert sind, das kann nicht generell gesagt werden. Es gibt viele Patienten, die dazu gut fähig sind, aber im Einzelfall muss das der Arzt aufgrund der vorliegenden Behinderungen beurteilen.

Welche Unterstützung gibt es für Patienten mit MS?

Nun zum einen natürlich die medizinische Betreuung. Es gibt dann die Selbsthilfeorganisation, die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, die vor Ort verschiedene Angebote, von Sozialarbeitern, Psychologen, offeriert. Die Erkrankung muss insgesamt angegangen werden, das heißt eine Gruppenarbeit, ein Gruppenangebot: Ärzte, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Sozialarbeiter, Psychotherapeuten – all dies um die vielfältigen Auswirkungen der Erkrankung auf Leib und Seele und Familie und Arbeitsfähigkeit entsprechend anzugehen.

Kann ich etwas zur Vorbeugung einer Multiplen Sklerose tun?

Da muss man sagen: Leider nein.

Was gibt es heute Neues in der Therapie der Multiplen Sklerose?

Aktuell gibt es seit ein paar Jahren neue Medikamente, die zum einen das Einströmen von schädlichen Zellen des Immunsystems in das Gehirn unterdrücken und zum anderen Medikamente, die bestimmte Untergruppen von Zellen zurückhalten. Es werden im nächsten Jahr zwei neue Tabletten auf den Markt kommen und wenn wir uns die Entwicklung in 3-5 Jahren anschauen, dann wird es noch potentere, länger wirkende Medikamente geben, die sehr gezielt auf zwei ganz entscheidende Zellvertreter des Immunsystems einwirken: die sogenannten T- und die sogenannten B-Lymphozyten.

Welche Neuentwicklungen erwarten Sie in den nächsten Jahren?

Neben den erwähnten Medikamenten, die das Immunsystem und die fehl gesteuerte Immunreaktion beeinflussen, sehe ich Möglichkeiten, dass es Medikamente gibt, die die Reparatur des eingetretenen Schadens fördern und gestörte Funktionen wiederherstellen. Das sind sehr spannende Entwicklungen, verschiedene Wege dahin, das ist sozusagen dann die zweite Säule der kausalorientierten MS-Therapie.

Quelle: Frag-den-Professor.de – Experten-Interview mit Herrn Prof. Dr. med. Hans-Peter Hartung zum Thema Multiple Sklerose aufgenommen als Video im Oktober 2012


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