Unser Experte für Neurodermitis – Basics

PROF. DR. MED. BERNHARD HOMEY
homey

Spezialisierungen:
Neurodermitis (atopisches Ekzem), Allergien, Hauterkrankungen

Direktor der Universitäts-Hautklinik Düsseldorf und Lehrstuhlinhaber für das Fach Dermatologie. Sprecher des Universitäts-Allergiezentrums Düsseldorf. Spezialist für die Behandlung allergischer Erkrankungen (atopisches Ekzem und Neurodermitis).

 

Die Mitschrift des Interviews mit Prof. Dr. med Bernhard Homey zum Thema “Neurodermitis”

Was sind Neurodermitis und atopisches Ekzem?

Neurodermitis wird synonym auch als atopisches Ekzem bezeichnet. Und hieraus abgeleitet sieht man schon, dass es sich um eine chronisch entzündliche Erkrankung der Haut handelt, bei der es in einer akuten Phase zu einer nässenden Hautentzündung kommt, die mit starkem Juckreiz einhergeht, und in der chronischen Phase des Ekzems ändert sich die Erscheinung hin zu einem trockenen Aussehen, wo die Haut trocken, schuppig und gerötet erscheint.

Wie zeigt sich eine erhöhte Neurodermitis-Neigung?

Es gibt sogenannte Atopie-Zeichen oder Neurodermitis-Zeichen. Diese sind einmal dadurch gekennzeichnet, dass sich eine papierartig trockene Haut zeigt, generalisierte Hauttrockenheit. Im Bereich des Gesichtes zeigt sich eine Ausdünnung der seitlichen Augenbrauen, eine Verdopplung der Unterlidfalte, dunkel umrandete Augen und im Bereich der Handinnenflächen zeigt sich eine verstärkte Handlinienzeichnung. Des Weiteren findet man eine Rauigkeit an den Streckseiten der Oberarme, hier erscheint die Haut sandpapierartig trocken.

Was sind die Ursachen für Neurodermitis?

Die Neurodermitis ist eine multifaktorielle Erkrankung. Hier spielen anlagebedingte genetische Faktoren sowie Umweltfaktoren eine Rolle. Auf der Seite der genetischen Faktoren haben wir über die letzten Jahre rausgefunden, dass einmal Veränderungen in Genen, die für die Hautbarriere wichtig sind, bei Neurodermitis-Patienten vorhanden sind und zum anderen, dass Gene verändert sind, die Entzündungsreaktionen beeinflussen, also Gene, die unser Immunsystem regulieren.

Auf Seiten der Umwelt ist es einmal so, dass Patienten mit Neurodermitis Allergien entwickeln, zum Beispiel gegen Hausstaubmilben, Birkenpollen, Katzenhaare oder Milcheiweiß und dass sie zum anderen auch empfänglicher sind, unter Stressphasen deshalb auch Neurodermitis, Schübe des Ekzems zu entwickeln und dass sie eine erhöhte Besiedlung der Haut mit mikrobiellen Faktoren haben, das heißt mit Bakterien, mit Pilzen, aber auch mit Viren, die dann dazu führen, dass ein Neurodermitis-Schub ausgelöst wird.

Gibt es bei Neurodermitis häufiger Allergien?

Da gibt es einen deutlichen Zusammenhang. Die Neurodermitis gehört zu Erkrankungen des atopischen Formenkreises. Zu diesem gehören der Heuschnupfen, das Asthma bronchiale und eben an der Haut, die Neurodermitis. All diese Patienten sind empfänglicher, Allergien auszuprägen. Für die Neurodermitis wissen wir, dass auf der genetischen Seite ein Hautbarrieredefekt vorhanden ist. Dieser Hautbarrieredefekt begünstigt, dass Allergene in die Haut eindringen und der Patient sich leichter, zum Beispiel gegen Hausstaubmilben, sensibilisiert. Bei einem erneuten Kontakt können dann diese Allergene, Hausstaubmilben, Birkenpollen, Milcheiweiß, zu dem Auslösen der Neurodermitis führen und einen neuen Schub der Hautentzündung entfachen.

Was sind die Symptome bei Babies, Kindern und Jugendlichen?

Im Säuglingsalter sind die ersten Zeichen der Neurodermitis die Entwicklung eines sogenannten Milchschorfes, das heißt die Haut im Bereich der Scheitelregion des behaarten Kopfes erscheint wie verbrannte Milch auf dem Herd. Des weiteren können als erste Zeichen kleine rote, sogenannte Papeln oder Pickelchen, im Gesicht entstehen, die auch jucken und die dann zusammenlaufen und ein nässendes Ekzem entwickeln. Diese können nicht nur im Bereich der Wangen, im Gesichtsbereich, sondern auch im Säuglings- und im Beginn des Kleinkindesalters an den Streckseiten im Bereich der Arme und auch am ganzen Körper ausprägen.

Die sich dann im Verlauf der Kindheit zum Jugendalter hin von den Streckseiten auf die Beugeseiten hin entwickeln und dann im jugendlichen und im Erwachsenenalter neben den großen Beugen, Ellenbeuge, Kniekehle, auch den Hals, den Nacken, den Gesichtsbereich befallen und insbesondere mit Lid-Ekzem an Ober- und Unterlid sich darstellen können. Gleichzeitig sind all diese Hauterkrankungen mit starkem Juckreiz verbunden.

Was kann man gegen den starken Juckreiz tun?

Die Therapie des Juckreizes ist eine besondere Herausforderung. Für den Patienten stellt das Symptom Juckreiz den am stärksten die Lebensqualität einschränkenden Faktor dar. Und im Rheinland weiß man, dass Jük schlimmer ist als Pin, also dass der Juckreiz schlimmer als der Schmerz sich darstellt. Die Therapie des Juckreizes ist nun vielschichtig. Wir können zum einen an der Haut gegen die Hauttrockenheit mithilfe rückfettender Pflege positiv gegen den Juckreiz arbeiten, denn trockene Haut juckt und rückfettende Pflege hilft den Juckreiz zu behandeln oder vorbeugend Juckreiz zu vermeiden.

Auf der anderen Seite führt die Entzündung zur Verschlechterung des Juckreizes, das heißt die Entzündung im Rahmen der Neurodermitis muss unterdrückt werden und hier kann die äußerliche Therapie mit modernen Kortison-haltigen Präparaten oder Calcineurin-Inhibitoren sehr hilfreich sein. Eine sehr gut Juckreiz-stillende Therapie ist die UV- oder Lichttherapie. Hier stehen sowohl mit UVA1 als auch mit Schmalspektrum UVB, sogenanntem UVB 311nm, zwei unterschiedliche Therapieoptionen zur Verfügung, die sehr deutlich den Juckreiz vermindern. Bei extrem starkem Juckreiz kann auch der Einsatz von Therapeutika, die im Nervensystem ansetzen sinnvoll sein. Dies sollte jedoch immer nur in spezialisierten Zentren durchgeführt werden.

Wie wird Neurodermitis diagnostiziert?

Die Neurodermitis kann anhand des klinischen Befundes, der Darstellung der Hautveränderung schon aufgrund ihrer charakteristischen Erscheinung diagnostiziert werden. Im Bereich der allergologischen Diagnostik ist es zudem sinnvoll, wenn Blutuntersuchungen durchgeführt werden, dass hier das sogenannte Serum-IgE, das heißt, im Blut eine bestimmte Immunglobulin-Klasse, nachgewiesen wird. Aus dieser Immunglobulin-Klasse stellt sich auch spezifisches Immunglobulin dar, welches speziell Antigene, Allergene erkennt, wie zum Beispiel Hausstaubmilben-Allergen und Birkenpollen-Allergen. Neben dieser IgE-basierten allergologischen Diagnostik ist es weiterhin wichtig, sogenannte Epikutan-Tests, der Pflaster-Test, durchzuführen, um hier zum Beispiel Nickelallergien, Duftstoffallergien, die auch bei Patienten mit Neurodermitis gehäuft auftreten, festzustellen.

Wie kann die Neurodermitis behandelt werden?

Die Therapie der Neurodermitis ist vielschichtig. Wir müssen grob hier einmal unterscheiden: die dermatologische Basistherapie, dann die lokalen Therapiemaßnahmen, systemische Therapiemaßnahmen und Lichtbehandlung. Wenn wir uns die Basistherapie anschauen ist hier die rückfettende Pflege und hier insbesondere mit Harnstoff-haltigen Präparaten sinnvoll. Diese Therapie sollte in den Wintermonaten deutlich fettiger und in einer höheren Frequenz durchgeführt werden, das heißt die Haut nach dem Duschen immer von der Locke bis zur Socke eincremen und das mindestens zweimal pro Tag.

Im Bereich der äußerlichen Therapie ist es wichtig, zum einen anti-entzündlich zu behandeln und zum anderen auch diese mikrobielle Komponente, also die Besiedlung der Haut mit infektiösen Erregern, Bakterien, Pilzen und Viren, mit zu beeinflussen. In der anti-entzündliche Therapie stehen uns zum einen moderne Kortison-haltige Präparate zur Verfügung, aber wir haben in den letzten Jahren auch die Möglichkeit kortisonfrei antientzündlich zu behandeln mithilfe von Calcineurin-Inhibitoren. Antiseptische Maßnahmen, antimykotische und antivirale Maßnahmen helfen diese mikrobiellen Auslösefaktoren, diese Triggerfaktoren zu minimieren und somit die Behandlung zu beschleunigen und Schübe zu vermeiden.

Im Bereich der systemischen Therapie der Neurodermitis ist auch wiederum das Kortison in schwersten Schüben, das man kurzfristig mit seiner anti-entzündlichen Wirkung nutzt. Aber auch hier haben wir kortisonfreie Möglichkeiten mithilfe von Immunsuppressiva, wie zum Beispiel Cylosporin, mithilfe von Methotrexat oder Azathioprin, zu behandeln.

Die Lichttherapie ist eine weitere Option, die in der akuten Phase des atopischen Ekzems mithilfe einer Strahlenqualität UVA1 und im Rahmen des chronischen Ekzems mithilfe von Schmalspektrum-UVB erfolgen kann. Auf Seite der Sensibilisierung der Allergien besteht auch die Möglichkeit mithilfe einer spezifischen Immuntherapie, als Spritze oder als Tablette oder Tropfen in der sublingualen Immuntherapie, dieser Allergie-Neigung entgegenzuwirken und so auch die Neurodermitis positiv zu beeinflussen.

Ist die Neurodermitis heilbar?

Die Neurodermitis ist nicht heilbar. Den anlagebedingten genetischen Defekt können wir zu diesem Zeitpunkt nicht beeinflussen. Wenn wir uns der Neurodermitis von der allergologischen Seite nähern, so können wir jedoch eine ursächliche Therapie mithilfe der spezifischen Immuntherapie, der sogenannten Hyposensibilisierung, anbieten. Das bedeutet, dass mithilfe von Tropfen, Tabletten oder Spritzen gegen die Allergie behandelt wird und der Patient nicht mehr allergisch, sondern tolerant gegenüber dem Allergen wird, das heißt sich an dieses Allergen gewöhnt und dass dies auch die Neurodermitis positiv beeinflusst.

Wie gefährlich ist das Stadtleben für Neurodermitis bei Kindern?

Epidemiologische Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Auftreten von Neurodermitis und anderen atopischen Erkrankungen zwischen der Stadtbevölkerung und der Landbevölkerung. Und hier zeigt sich, dass das Auftreten der atopischen Erkrankungen, inklusive der Neurodermitis, häufiger bei der Stadtbevölkerung vorhanden ist. Insgesamt muss man aber sagen, dass ein Leben in der Stadt nicht lebensgefährlich ist.

Hilft mehr Schmutz im Alltag die Neurodermitis zu vermeiden?

Hier haben sowohl experimentelle Studien der letzten Jahre als auch epidemiologische Studien gezeigt, dass der Schmutz, das mikrobielle, also bakterielle Komponenten, Komponenten von anderen Erregern das Immunsystem trainieren und hier regelrechte gewünschte Immunantworten ausgeprägt werden. Im Rahmen von atopischen Erkrankungen wie der Neurodermitis kommt es zu einer fehlgeleiteten Immunantwort und hier konnten eben epidemiologischen Studien der letzten Jahre zeigen, dass ein Leben auf dem Bauernhof, wo man potenziell mit mehr Schmutz, mit mehr Erregern Kontakt bekommt als in einer hygienischen städtischen Umgebung, dass dies vor der Ausbildung von Neurodermitis und anderen atopischen Erkrankungen schützt.

Was kann man gegen Neurodermitis selber tun?

Da eine genetische Veranlagung einen Teilaspekt der Neurodermitis darstellt, sind die Möglichkeiten begrenzt, aber ich habe mit der dermatologischen Basistherapie, das heißt dem Eincremen eine Möglichkeit, zum Beispiel dem Barriereschaden entgegenzuwirken. Für Eltern bedeutet das, die Atopiker sind, die selber unter Neurodermitis leiden und deren Kinder mit 50% Wahrscheinlichkeit auch an derselben atopischen Erkrankung erkranken können, dass die Hautpflege, das Eincremen der Haut, schon in den ersten Lebenstagen und Lebenswochen von besonderer Bedeutung ist. Dies ändert sich im Verlauf des Lebens nicht, das bedeutet nach dem Duschen, nach dem Baden Eincremen. Und dies im Winter fettiger und konsequenter als in den Sommermonaten.

Was gibt es Neues bei der Behandlung von Neurodermitis?

Bei der Behandlung der Neurodermitis hat sich einiges auch in der äußerlichen Behandlung getan. Wir haben in den letzten Jahren die proaktive Therapie entwickelt, die darauf abzielt, dass Wiederaufflammen der Entzündung zu verhindern. Das bedeutet nach einer effizienten äußerlichen Behandlung der Neurodermitis werden die Stellen, die immer wieder von Ekzem betroffen sind, zweimal pro Woche mit einer Kortison-haltigen oder einer Calcineurin-Inhibitor-haltigen Creme behandelt, um das Wiederaufflammen der Entzündung zu vermeiden. In der Systemtherapie steht mit einem blockierendem Antikörper gegen IgE, dem Omalizumab, eine Option zur Verfügung, Patienten, die sowohl ein Asthma bronchiale als auch eine Neurodermitis haben, zu behandeln. Darüber hinaus haben wir gelernt, dass eine spezifische Immuntherapie, eine sogenannte Hyposensibilisierung mit Spritze, mit Tabletten oder mit Tropfen, dazu führen kann, dass die Neurodermitis positiv beeinflusst wird.

Welche Neuerungen erwarten Sie in den nächsten Jahren?

Die Therapieoptionen, die wir aktuell zur Verfügung haben, das heißt mit Hilfe von immunmodulierenden oder immunsuppressiven Therapien, wie zum Beispiel Cyclosporin A, Methotrexat, Azathioprin, dies sind recht breit wirksame, breit angreifende Therapieoptionen. In der Zukunft werden Therapien entwickelt, die zielgerichteter genau wichtige Botenstoffe attackieren und somit nebenwirkungsärmer für den Patienten sein werden. Hier sind zum Beispiel Antikörper gegen Interleukin 4 genannt, Antikörper gegen TSLP, wichtige Botenstoffe, die für die Entstehung einer Neurodermitis entscheidend sind.

Quelle: Frag-den-Professor.de – Experten-Interview mit Herrn Prof. Dr. med. Bernhard Homey zum Thema Neurodermitis aufgenommen als Video im August 2012


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