Unser Experte für Wiederbelebung – Basics

PROF. DR. MED. BERND W. BÖTTIGER
boettiger

Spezialisierungen:
Reanimation/Wiederbelebung, Intensivmedizin, Narkose, Anästhesiologie

Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin des Universitätsklinikum Köln. Mitglied in zahlreichen wichtigen nationalen und internationalen Fachgesellschaften und Organisationen, auch zum Thema Wiederbelebung (Reanimation). Seit Mai 2008 ist Prof. Böttiger Präsident des European Resuscitation Council (ERC).

 

Die Mitschrift des Interviews mit Prof. Dr. med Bernd W. Böttiger zum Thema “Wiederbelebung “

Was ist ein Herz-Kreislauf-Versagen?

Ich erkläre es vielleicht einfach mal so: das Herz pumpt das Blut durch den Körper im Blutkreislauf. Im Körper werden die einzelnen Organe mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, das muss kontinuierlich passieren. Wenn das Gehirn nur 15 Sekunden nicht versorgt wird, dann werden wir bewusstlos und dann müssen unmittelbar Maßnahmen eingeleitet werden, um den Kreislauf in irgendeiner Art und Weise wieder herzustellen.

Wie erkenne ich einen kritischen Herz-Kreislauf-Zustand?

Die wichtigste Ursache für ein akutes Herz-Kreislauf-Versagen ist der sogenannte Herzinfarkt. Ein Herzinfarkt kündigt sich in den allermeisten Fällen dadurch an, dass ein Mensch Schmerzen in der linken Brust hat, die häufig auch in den linken Arm, auch in den Unterkiefer ausstrahlen. Diese können aus heiterem Himmel auftreten, auch beispielsweise bei Stress und sind sehr stark. In diesem Moment muss man unmittelbar professionelle Hilfe holen, also den Notarzt alarmieren und den Patienten nicht mehr alleine lassen, weil ein Herz-Kreislauf-Versagen kann jederzeit und unmittelbar die Folge sein.

Eine Person ist auf der Straße ohnmächtig – was ist zu tun?

Das Erste ist, ich schaue, ob der Mensch ansprechbar ist. Wenn er ansprechbar ist, ist ihm vielleicht nur schlecht geworden. Wenn er nicht ansprechbar ist, dann schau ich, atmet er noch? Und das ist gar nicht so einfach. Darum sagen wir, wenn keine normale Atmung vorhanden ist, wenn man also nicht sicher sieht, ob jemand normal atmet, dann muss man Erste Hilfe rufen, professionelle Hilfe, der Notarzt muss kommen. Man muss schauen, kann jemand helfen, hat jemand eine medizinische Ausbildung und dann muss man mit Wiederbelebungsmaßnahmen anfangen.

Eine Person ist am Arbeitsplatz ohnmächtig – was ist zu tun?

Ich schau nach, vielleicht ist der Mensch auch einfach nur schwach. Wenn er ansprechbar ist – wunderbar, wenn er nicht ansprechbar ist, dann schaue ich, ob er atmet – das ist gar nicht so einfach. Wir sagen, wenn keine normale Atmung vorhanden ist, dann muss unmittelbar mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen werden. Natürlich bevor ich damit beginne, schaue ich erst, wo kann ich Hilfe bekommen. Am Arbeitsplatz ist das meistens einfacher, oft gibt es da auch ausgebildete Personen, aber natürlich muss immer der Notarzt gerufen werden!

Eine Person ist in der Klinik/Praxis ohnmächtig – was ist zu tun?

Wenn Sie in der Klinik sind, rufen sie natürlich sofort das Notfallteam. Sie brauchen natürlich sofort professionelle Hilfe. Dann können sie natürlich schauen, ob sie dem Menschen bereits helfen können. Wenn er noch atmet, ist das gut, dann empfehle ich die stabile Seitenlage. Wenn ein Patient in der Klinik ist und nicht mehr atmet, dann sollte man auch in der Klinik sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen, denn jede Minute, die man wartet, verschlechtert das Überleben des Patienten. Und auch in der Klinik kann es mal ein paar wenige Minuten dauern, bis das Notfallteam eintrifft.

Welche Basismaßnahmen kann ich als Laie einleiten?

Jeder Laie ist unmittelbar in der Lage, effektive Maßnahmen einzuleiten. Das wichtigste ist, professionelle Hilfe zu holen, also den Notarzt alarmieren. Das nächste ist, ich fange einfach mit der Herzdruckmassage an. 100/min mindestens. Denken sie an „Staying alive“ von den BeeGees. Mindestens 5cm tief drücken, unteres Drittel des Brustbeins. Allein das reicht, um einige Minuten zu überbrücken und den Menschen am Leben zu erhalten. Wenn Sie darüber hinaus noch können, wenn Sie ausgebildet sind oder das auch wollen, dann können Sie den Patienten auch noch mit Mund-zu-Mund-Beatmung intermittierend beatmen.

Was ist bei der Herzdruck-Massage zu beachten?

Das wichtigste bei der Herzdruckmassage ist (wenn man erkannt hat, dass es sich bei dem Menschen um einen mit Kreislaufstillstand handelt) dass man mit der Herzdruckmassage anfängt. Das ist das wichtigste! So kann die Lebensfunktion weiter aufrechterhalten werden bis der professionelle Rettungsdienst eintrifft. Die Message an dieser Stelle ist: Hauptsache heftige Herzmassage. Sie nehmen beide Hände und legen die auf die untere Hälfte des Brustbeins oder auf das untere Drittel des Brustbeins, knien neben dem Patienten und drücken das Brustbein mindestens 5cm tief mit einer Frequenz von 100/min ein, bis der professionelle Rettungsdien kommt. Das ist gar nicht einfach, das ist anstrengend. Wenn es da noch andere Menschen gibt, lassen sie sich nach 2 min abwechseln und wenn sie nicht so ganz sicher sind, ob sie in der richtigen Frequenz sind, dann denken sie an die BeeGees „Staying Alive“, die haben den richtigen Rhythmus.

Was ist bei Maßnahmen zur Beatmung zu beachten?

Bei den Maßnahmen zur Beatmung ist zu beachten: Wir empfehlen die Beatmung, weil sie die Überlebensrate der Menschen noch ein bisschen mehr verbessert als die alleinige Herzdruckmassage. Gleichzeitig sagen wir, dass wenn jemand nicht ausgebildet ist in der Beatmung oder nicht beatmen möchte, aus welchen Gründen auch immer (das ist ein fremder Mensch, vielleicht hat man da eine gewisse Hemmschwelle aus ganz unterschiedlichen Gründen), dann muss man nicht beatmen. Das wichtigste ist die Herzmassage. Das ist immer das erste, was man bei der Beatmung beachten muss.

Das zweite, was man beachten kann und muss, wenn man zu zweit ist: Der eine kann Herzmassage machen und der andere beatmen. Und wir empfehlen 30x mit einer Frequenz von 100/min (mindestens mit dieser Frequenz) den Brustkorb einzudrücken und dann 2x eine Mund-zu-Mund-Beatmung durchzuführen. Die Mund-zu-Mund-Beatmung führt man am besten so durch, dass man den Kopf des Menschen, der den Kreislaufstillstand hat, ein bisschen überstreckt, dass man mit seinem eigenen Mund über den Mund Luft in die Lunge des Patienten bläst. Also die eigene Ausatmenluft bläst man in den Patienten hinein, und man atmet tief ein, und Ausatmen tut man in den am Boden liegenden Patienten. Es empfiehlt sich, die Nase des Patienten zuzuhalten, damit die Luft da nicht wieder rausgeht. Wenn man das richtig macht, hebt sich der Brustkorb leicht und wenn man dann wieder weggeht, dann entweicht die Luft aus dem Patienten. Das macht man 2x und dann macht man wieder 30 Thoraxkompressionen, 30x Herzdruckmassage, und dann macht man wieder 2x Beatmung. Das ganze macht man so lange, bis der professionelle Rettungsdienst kommt.

Mache ich mich strafbar, wenn bei der Reanimation etwas schief geht?

Ganz sicher nicht! Das einzige, was man bei der Wiederbelebung falsch machen kann, ist nicht damit zu beginnen. Fangen sie einfach damit an, mit den Brustkompressionen. Es verdoppelt die Überlebensrate des Menschen.

Habe ich als Autofahrer eine besondere Pflicht zur Reanimation?

Sie haben als Autofahrer vielleicht eine Ausbildung, die liegt manchmal 30 Jahre zurück. Es empfiehlt sich, das ab und zu mal zu aktualisieren und sich damit auch zu beschäftigen. Ich würde sagen, jeder hat eine besondere Pflicht zur Wiederbelebung, denn es verdoppelt die Überlebensrate der betroffenen Patienten.

Wie erfolgt die Wiederbelebung durch den Rettungsdienst?

Der professionelle Rettungsdienst macht zunächst einmal gar nichts anderes wie der Laie. Auch hier werden die Brustkompressionen, die Thoraxkompressionen, die Herzdruckmassage, weitergeführt, gleichzeitig auch die Beatmung des Patienten. Wir nehmen dafür natürlich Atemmasken und Atembeutel und dann legen wir einen Plastikschlauch in die Luftröhre. Das verbessert noch einmal die Atmung und wir können auch mehr Sauerstoff geben. Gleichzeitig geben wir auch noch über die Venen bestimmte Medikamente, die das Herz rhythmisieren und den Kreislauf stärken.

Wie kann ich mich auf kritische Herz-Kreislauf-Situationen vorbereiten?

Das Beste ist, wenn man sich ausbilden lässt. Viele machen ja die Ausbildung beim Führerschein, oft ist das lange her. Es empfiehlt sich, das ab und zu mal zu wiederholen. Es gibt schöne Internetmöglichkeiten, sich up-zu-daten. Es gibt verschiedene Hilfsorganisationen, das Deutsche Rote Kreuz und andere, die regelmäßig Kurse anbieten. Und wir sind momentan dabei, die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin möchte und wird dafür sorgen, dass die Wiederbelebung auch ein Ausbildungsthema in den Schulen wird.

Gibt es spezielle Richtlinien für die Durchführung der Wiederbelebung?

Es gibt klare, wir sagen Leitlinien, für die Durchführung der Reanimation. Wir entwickeln bzw. erneuern die alle 5 Jahre, basierend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die wir in der Zwischenzeit gewonnen haben. Das European Resuscitation Council, dem ich vorstehe, publiziert diese Leitlinien. Die letzten wurden im Jahr 2010 publiziert. Auf deutscher Ebene werden die erst mal übersetzt und an die deutschen Verhältnisse adaptiert. Das macht das German Resuscitation Council. Die Leitlinien sind sehr klar.

Was gibt es heute Neues auf dem Gebiet der Reanimation?

Für mich ist das wichtigste, was sich in der Wiederbelebung in den letzten Jahren verbessert hat: die Möglichkeit, durch das Kühlen eines Menschen: Wir kühlen die betroffenen Patienten für 24 Stunden, also für einen ganzen Tag, auf 32-34°C ab. Die Menschen sind natürlich künstlich beatmet und schlafen. Das Abkühlen dieser Menschen führt zu einer deutlichen Verbesserung des Überlebens, weil viele schädigende Mechanismen, vor allem im Gehirn, dadurch positiv beeinflusst werden und nicht mehr so großen Schaden anrichten können. Das ist das Eine und hier ist es so, dass leider noch nicht alle Kliniken in Deutschland diese Maßnahme durchführen, die sehr effektiv ist, die in den Leitlinien steht und die einfach durchgeführt werden muss.

Das Zweite, das mir an der Stelle besonders wichtig erscheint und auch sehr am Herzen liegt, ist, dass wir Untersuchungen aus dem deutschen Reanimationsregister der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin haben, die aktuell publiziert wurden und die zeigen, dass die Wiederbelebungsrate durch medizinische Laien in Deutschland sehr niedrig ist. Es gibt Länder, skandinavische Länder und auch die Niederlande, da werden 50-60% der Menschen durch Laien wiederbelebt nach einem Kreislaufstillstand. In Deutschland liegt die Rate bei 15%. Das ist sehr niedrig. Vergleichbar niedrige Raten finden wir auch in den mitteleuropäischen oder den südeuropäischen Ländern. Hier kann erheblich viel getan werden durch entsprechende Ausbildung, durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit. Wenn es gelingt, die Wiederbelebungsrate durch Laien zu verbessern, dann wird das unmittelbar die Überlebensrate der betroffenen Patienten verbessern. Wenn ein Laie einen Menschen wiederbelebt, dann verdoppelt das seine Überlebensrate.

Welche Neuentwicklungen erwarten Sie in den nächsten Jahren?

Für die nächsten Jahre erwarte ich weniger Neuerungen im Bereich der Medikamente oder der Geräte. Ich glaube, das entscheidende in den nächsten Jahren wird die Aufmerksamkeit in der Bevölkerung sein und auch der Ausbildungsgrad, den wir hoffentlich in dieser Zeit positiv beeinflussen. Wenn ein Mensch, der einen Kreislaufstillstand hat, durch einen Laien wiederbelebt wird, dann verdoppelt das seine Überlebensrate.

Wir haben gerade auf europäischer Ebene durch das European Resuscitation Council eine Initiative des Europaparlaments auf den Weg gebracht, die von 395 europäischen Parlamentariern durch ihre Unterschrift unterstützt wurde, und diese Initiative wird hoffentlich dazu führen, dass auch die europäische Kommission eine Initiative ergreift, um zum Beispiel die Ausbildung zur Wiederbelebung in den Schulen in ganz Europa fest zu etablieren, sodass jeder Schüler mindestens dreimal mindestens 2 Stunden in seiner schulischen Laufbahn in der Wiederbelebung ausgebildet wird.

Quelle: Frag-den-Professor.de – Experten-Interview mit Herrn Prof. Dr. med. Bernd Böttiger zum Thema Wiederbelebung / Reanimation aufgenommen als Video im Oktober 2012


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