Unser Experte für Schizophrenie – Basics

PROF. DR. MED. WOLFGANG GAEBEL
gaebel

Spezialisierungen:
Schizophrenie, Depression, Psychiatrie, Psychotherapie, Suchtforschung

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Ärztlicher Direktor LVR-Klinikum Düsseldorf, Kliniken der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Beschäftigt sich seit vielen Jahren in Patientenversorgung und Forschung mit der Schizophrenie-Erkrankung und ist Sprecher des deutschlandweiten Kompetenznetzes zum Thema Schizophrenie.

 

Frag-den-Professor.de – Experten-Interview mit Herrn Prof. Dr. med. Wolfgang Gaebel zum Thema Schizophrenie

 

Was ist eine Schizophrenie?
Schizophrenie hat keinen guten Namen. Sie gilt immer noch als eine der am wenigsten verstehbaren psychischen Erkrankungen. Sie ist gekennzeichnet durch Wahnbildungen, Gedanken, die nicht der Realität entsprechen und Sinnestäuschungen. Sie gehört in der Gruppe der Psychosen. Das sind Erkrankungen, die sich durch diese Symptome auszeichnen.Es gibt durchaus andere Psychosen neben der Schizophrenie. Es gibt auch verschiedene Verläufe der Schizophrenie. Es gibt nicht die Schizophrenie, sondern verschiedenartige verlaufende Formen der Schizophrenie. Das ist wichtig im Auge zu behalten. Diese Krankheit kommt und geht. Sie verläuft in akuten Episoden, die vollständig abklingen können, aber auch in Restsymptombildung einmünden können.Wir müssen leider befürchten, dass im Verlaufe von mehreren Jahren die Episoden (=Schübe) wieder auftreten können, die immer damit verbunden sind, dass die Patienten für eine gewisse Zeit jenseits der Realität stehen. Sich aber durch die heutzutage bestehende Behandlungsmöglichkeiten gut wieder erholen können.

 

Wie zeigen sich die sogenannten Positiv-Symptome?
Schizophrenie umfasst verschiedene Symptomgruppen.Die eine Gruppe, die wir Positiv-Symptome nennen, nicht weil sie positiv sind, sondern weil sie Veränderungen darstellen, die bei Gesunden in aller Regel nicht zu beobachten sind.Es ist also etwas, was zum gesunden Leben dazukommt. Das sind vor allem wahnhafte Gedanken. Gedanken, die nicht der Realität entsprechen und Sinnestäuschungen, insbesondere in Formen von Hören von Stimmen, die zu einem sprechen, mit einem sprechen oder die Befehle erteilen. Das sind die wesentlichen Symptome.Eine dritte Gruppe umfasst die sogenannten kognitiven Störungen.Dies sind feinere Störungen im Bereich der Aufmerksamkeit, Konzentration und Denkprozesse, die man mit bestimmten Testverfahren genauer untersucht kann.

 

Genie und Wahnsinn liegen dicht beieinander – stimmt das?
Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, obwohl die Behauptung häufig aufgestellt wird. Patienten mit schizophrenen Erkrankungen, wir sprechen nicht mehr vonWahnsinn, sind im Prinzip Menschen, die in den Phasen der Erkrankung, in denen die Symptomatik gar nicht im Vordergrund stehen, sehr gut Beschäftigungen nachgehen können. Sie können auch besondere Leistungen erbringen. Wir achten heute sehr darauf, nicht nur die Störungen im Seelenlebenzu beschreiben, sondern auch die positiven Eigenschaften zu beschreiben. Unter den Menschen der Schizophrenie befinden sich oft sehr kreative Menschen. Es gibt Wissenschaftler, die einen Nobelpreis erhalten haben.Es ist nicht so, dass man sagt, dass Patienten mit Schizophrenie nichts können beziehungsweise zu keiner Leistung in der Lage sind. Ob er ein Genie sein muss, ist eine andere Frage. Ich würde eher dazu tendieren zu sagen, hier sollten wir das Positive im Menschen sehen, die in der Lage sind, Dinge zu vollbringen, die nicht unbedingt geniehaft sein müssen, sondern ganz normale Leistungen sind.

 

 

Wie sollte ich mich Schizophrenen gegenüber verhalten?
Wir sprechen nicht von Schizophrenen, sondern wir sprechen von mit Menschen mit einer Schizophrenie. Das soll deutlich machen, dass ein Erkrankter, der an Schizophrenie leidet, nicht lebenslang daran erkrankt ist. Dass er durchaus  auch eine andere Seite an sich hat. Das bedeutet, dass in den Phasen der Erkrankung, wo die  Menschen mit dieser Erkrankung sich durchaus sehr normal bewegen, leben und denken können. Mit denen wir uns normal verständigen können. Schwierig wird es, wenn jemand in der akuten Phase der Erkrankung ist, wenn die Gedanken durcheinander gehen, Dinge die in einen falschen Hals gehen, Wahrnehmungen die nicht der Realität entsprechen. Dann kann das Gespräch, selbst für den Fachmann sehr schwierig sein. Hier ist es in allen Fällen günstig einen Fachmann miteinzubeziehen, um im Einzelfall das Gespräch nicht alleine, sondern gemeinsam zu führen.

 

 

Was sind die sogenannten Negativ-Symptome?
Negativ-Symptome sind neben der Gruppe der Positiv-Symptome und kognitiven Störungen eine weitere Gruppe von Symptomen, die nicht negativ perse sind, sondern die bezeichnen sollen, dass hier etwas im normalen Seelenleben fehlt. Nämlich der lebhafte Antrieb, die Vitalität, der Schwung, die affektive Modulationfähigkeit, das heisst, das Mimikspiel, das Gestikspiel und die freie Kommunikation bei einigen der Erkrankten gestört sein kann. Hier ist der Antrieb vermindert, hier ist es schwierig, Handlungen zu initiieren oder Lebenspläneumzusetzen. Insofern fürchten wir als Psychiater diese Gruppe der Symptome mehr, weil sie tief in die Funktionsfähigkeit des Menschen, in seinen Alltag eingreift. Auch hier gibt es therapeutische Möglichkeiten, die diese Symptomgruppe bewältigen lassen. Dies ist auch eine Aufgabe der Zukunft, hier noch bessere Behandlungsmöglichkeiten zu schaffen.

 

Welche Ursachen für die Schizophrenie sind bekannt?
Wie in allen Fällen psychischer Erkrankungen sprechen wir auch bei der Schizophrenie von einer multifaktoriellen Genese. Es gibt nicht nur eine Ursache oder einen Faktor, sondern eine ganze Reihe, die zu bedenken sind. Zum einen wissen wir, dass es eine Veranlagung gibt.Wir wissen, dass die Häufungen von Schizophrenie-Erkrankungen im Umkreis von Angehörigen mit einer solchen Erkrankung um 10 bis 15-fache im Gegensatz zur Normalbevölkerungansteigt. Eineiige Zwillinge haben sogar ein Risiko von 40 bis 50 Prozent. Wir kennen heute auch schon einige erforderliche Gene oder Genvarianten. Dazu wird über Geburtsschädigungen, die eine Rolle spielen könnten, die Einnahme von Drogen, insbesondere Haschisch,aber auch Stressoren aus dem sozialen Umfeld, insbesondere die die emotionale Seite des Betroffen besonders ansprechen. In dem Zusammenspiel von Veranlagung, Umwelt und Verarbeitung seitens des Betroffenenspielt sich der Verlauf der Erkrankung ab und hier sind die Ursachen und Bedingungsfaktoren dieser Erkrankung zu suchen.

 

Gibt es eine familiäre Veranlagung?
Wir wissen seit langen, dass in den Familien von Menschen mit  einer Schizophrenie die Erkrankung gehäuft auftritt. Man kann davon ausgehen, dass bei Kindern von Eltern, bei denen ein Elternteil an Schizophrenie erkrankt ist, die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung  etwas 10 bis 15Mal höher ist als in der Normalbevölkerung. Die Lebenszeitpräferenz, das heißt die Wahrscheinlichkeit einmal im Leben an dieser Erkrankung zu erkranken, liegt grundsätzlich bei einem Prozent. Bei Menschen mit einem erkrankten Elternteil erhöht es sich auf 10 bis 15 Prozent. Eineiige Zwillinge haben sogar ein Risiko von 45 bis 50 Prozent zu erkranken.

 

Wie wird eine Schizophrenie diagnostiziert?
Wie grundsätzlich bei allen psychischen Erkrankungenspielt die Untersuchung des Patienten im Gespräch, bei dem bestimmte Fragestellungen gestellt werden und die Beobachtung seines Verhaltens eine Rolle. Bei der schizophrenen Erkrankung sind die Leitsymptome, die zur Diagnose führen, das Auftreten von Halluzinationen (=Sinnestäuschungen) und  von wahnhaften Gedanken.Gedanken, die nicht der Realität entsprechen und nicht korrigierbar bei einer argumentativen Auseinandersetzung sind. Aber auch Denkstörungen, die soweit gehen können, dass auf dem Höhepunkt einer akuten Erkrankung die Verständigung mit einem Patienten schwierig wird, weilfür einen Außenstehenden das Nachvollziehen von Gedankengängen sehr erschwert ist.

 

Können Medikamente helfen?
Medikamente spielen in der Behandlung derschizophrenen Erkrankung seit etwa den 50-ziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine anhaltende Rolle.Dies sind Medikamente, die man als Neuroleptika bezeichnete. Heute sprechen  wir eher vonAntipsychotika, alsoMedikamente die gegen psychotische Symptomatik wie Sinnesstörungen und Wahngedanken gerichtet sindund hier innerhalbvon wenigen Wochenin der Lage sind,beim günstigen Verlauf das Krankheitsbild weitgehend zum Abklingen zu bringen. Es gibt mittlerweile sehr unterschiedliche Medikamente, die immer dann zum Einsatz kommen können, wenn im Einzelfall das Medikament A keine gute Wirkung hat und man auf Medikament Boder C umstellen muss. Hier findet sich für jeden Patienten die Möglichkeit derIndividuen-zentrierten Behandlung mit den vorhandenen Medikamenten.

 

Welche Formen der nicht-medikamentösen Behandlung sind wichtig?
Medikamente stellen die Basis der Behandlungdar.Nach heutigem Kenntnisstand und den Empfehlungen, die von Experten und aufgrund von vorhandenen Untersuchungsbefunden vorliegen, wird auf eine medikamentöse Behandlung in aller Regel nicht verzichtet, aber immer ist die Kombination mit weiteren Behandlungsverfahren von Nöten.PsychotherapeutischeMaßnahmen insbesondere aus dem Spektrum der kognitiven verhaltensorientierenden Methoden spielen eine Rolle. Die Psychoedukation, die die Aufklärung desKrankheitsbilds und seine Behandlungsmöglichkeiten für den Patienten wie für die Familie darstellt. Neue Verfahren, die insbesondere die kognitiven Beeinträchtigungen zum Ziele haben. Aber auch Verfahren, die versuchen die psychotische Symptomatik wie Wahnbildung und Halluzinationen mit psychologischenMethoden anzugehen, gehören heute zum Spektrum der Behandlungsmethoden, die der Psychiater und Psychotherapeut vorhält, die auch nebenbei gemerkt Bestandteil des Behandlungsspektrum hier in der Klinik Düsseldorf sind.

 

Kann ich einer Schizophrenie-Erkrankung vorbeugen?
Vorbeugung ist bekanntlich besser als Heilen. Prävention ist in der Psychiatrie ein Zauberwort in jüngerer Zeit. Auch hier stellt sich die Frage, gibt es frühe Anzeichen für das Auftreten dieser Erkrankung, um frühzeitig zu intervenieren beziehungsweise zu behandeln, um damit das Auftreten zu verhindern.Hierzu ist die Antwort  JA. Es gibt diese Möglichkeiten, weil sogenannten frühzeitige Symptomeschon 4 bis 5 Jahre vor dem Ausbruch beobachtet werden und weltweit gibt es dazu eine Fülle von Untersuchungen, die zeigen, dass eine frühe Intervention in dieser Phase in einem nicht geringen Teil das Auftreten der Erkrankung verunmöglicht. Es gibt mittlerweile in Deutschland an verschiedenen Standorten, unter anderem auch in Düsseldorf, Früherkennungszentren, an die man sich wenden kann, umzu schauen ob so eine Erkrankung möglicherweise droht.

 

Was gibt es aktuell Neues?
Die heutzutage zu Verfügung stehende Diagnoseinstrumente, die sich im Bereich der Bildgebung bewegen, die uns Einblicke in die Struktur und Funktion des Gehirns bei Gesunden aber auch bei Erkrankten erlauben(auch bei Schizophrenie-Erkrankungen) haben große Aufschlüsse darüber geliefert, inwieweit durch die Veranlagungen  bestimmte Veränderung in der Hirnstruktur und in der Funktion mit den entsprechenden Folgen auf der Ebene psychologischer Befunde zu suchen und zu finden sind.Dieses wiederum gibt uns heute die Möglichkeiten, über Einflussmöglichkeitendieser Erkrankungen nachzudenken und zu untersuchen, diespeziell bei den Funktionsstörungen im Bereich bestimmter Arealen des Gehirns und deren Zusammenspiel zu suchen sind. Im Moment spielt in der Forschung sich sehr vielNeues ab, was uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten einiges erwarten lässt, dass wir über denEntstehungsmechanismus dieser Erkrankung  einiges lernen können und entsprechende therapeutische Weiterentwicklungen beziehen können.

 

Welche Neuerungen erwarten Sie in den nächsten3-5 Jahren?
Wir haben heute bereits ein breites Spektrum, nicht nur die Erkrankung zu erkennen, sondern auch die Behandlungsmöglichkeiten zu Verfügung. In den nächstenJahren wird intensiv daran gearbeitet, die vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten besser inEinsatz zu bringen. Man muss dazu sagen, dass diese Menschen mit dieser Erkrankung häufig nicht begeistert sind, die Behandlungsmöglichkeit insbesondere medikamentöse Art zu nutzen. Dieses zu verbessern, durch entsprechende psychotherapeutische Behandlungen, aber auch durch die vermehrte Individualisierung der Behandlung. Zum Beispiel durch eine vorherige genetische Untersuchung zu schauen, ob eine besondere Reaktivität gegenüber einige Medikamente und weniger gegenüber anderen vorliegenden Medikamenten besteht, sind solche Bemühungen für solche individuellen Behandlungsmöglichkeiten. Ich erwarte, dass sich in den nächsten 3 bis 5 Jahren einiges tun wird und dieses dann auch in die Praxen transferiert wird.

 

Quelle:  Frag-den-Professor.de – Experten-Interview mit Herrn Prof. Dr. med. Wolfgang Gaebel zum Thema Schizophrenie aufgenommen als Video im Januar 2013


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